Gelitten
unter Pontius Pilatus
Dieser kurze Abschnitt
des Glaubensbekenntnisses enthält zwei zentrale Aussagen. Beginnen
wir zunächst mit der unauffälligen und oft übersehenen
Feststellung: Unter Pontius Pilatus. Mit der Nennung dieses Namens
betreten wir das Feld der Historie, wie es in den Geschichtsbüchern
vorkommt. Das Leiden geschah unter diesem, ansonsten nicht sonderlich
bedeutenden, römischen Statthalter. Mit "gelitten unter
Pontius Pilatus" bekennen wir das Leiden des Sohnes Gottes als
Leiden in unserer Geschichte. Genau zu der Zeit, als Pilatus Statthalter
war, hat er gelitten. Auf Anordnung genau dieser historischen Person.
Sein Leiden war wirklich. Es ist kein Märchen, das - man denke
nur an das "Es war einmal" - keine Verbindung zu unserer
Zeit hat.
Die zweite bzw. eigentlich
erste Aussage steckt in dem Wort "gelitten". Der menschgewordene
Sohn Gottes, der Christus, also der Gesalbte und damit der König,
hat gelitten. Im Zusammenhang mit seiner Geburt war es schon ungewöhnlich,
dass er als kleines Kind zur Welt kam, statt als machtvoller himmlischer
König die Welt mit Heerscharen von Engeln zu erobern. Jetzt erleben
wir eine Steigerung. Er ist nicht nur ein schwacher Mensch er leidet
auch noch. Und wie er leidet. Er stößt an die Grenzen seiner
Kraft. Wir lesen in den Evangelien von der Szene am Ölberg. Dort
wacht Christus allein, während die Jünger schlafen. Er,
den wir als Sohn Gottes kennengelernt haben, bittet und fleht darum,
dass ihm das Kreuz, das der Vater für ihn bestimmt hat, erspart
bleiben möge. Er, der aus der göttlichen Herrlichkeit kommt,
fleht den Vater an. Er will nicht gekreuzigt werden. Er bittet, doch
der Vater nimmt den Kelch nicht von ihm. Hier geht es Christus so,
wie es auch uns geht. Wir bitten darum, verschont zu werden, und werden
es trotzdem nicht. So geht es auch ihm. Seine Gebete werden zwar gehört,
der Vater stärkt ihn, aber seine Bitte wird nicht erhört.
Der bittere Kelch kommt trotz allen Flehens.
Dann wird Jesus verraten.
Vielleicht gehört das zum Schlimmsten dessen, was ihm widerfahren
ist. Der Freund, einer der engsten Anhänger, liefert ihn aus.
Stellen wir uns einmal vor, uns würde einer der engsten Freunde
an die ausliefern, die uns grausam töten wollen. Ich denke, das
würde auch uns zutiefst treffen. Von einem Fremden gejagt zu
werden ist schlimm genug. Aber von einem engen Freund? Das gehört
zu den schlimmsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann. Das nimmt
Christus hier auf sich. Die anderen Jünger, also die anderen
Freunde, fliehen. Sie sind - wie wir gerade an Petrus, der ihn mehrfach
in einer Nacht verleugnet, sehen können - an ihrer eigenen Haut
weit mehr interessiert als an Jesus.
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Nach seiner Gefangennahme
wird Jesus zunächst von den Priestern und Schriftgelehrten, den
religiösen Autoritäten verhört und verurteilt. Dann wird
er zur Besatzungsmacht, zu Pontius Pilatus gebracht. Dort fordert man
seinen Tod. Pilatus tut das, ohne das er heute vergessen wäre.
Er verurteilt Jesus zur Kreuzigung. Jesus muss sein Todesurteil anhören.
Er, der Richter der Welt, wird zum Tode verurteilt.
Jesus wird verhöhnt
und gequält. Er wird mit Dornen gekrönt. Es wird ihm ein roter
Mantel angelegt. Er wird verspottet, verspottet mit angeblichen Huldigungen.
Er, der wahre König, der Erlöser wird so verspottet. Spott
gehört zu den schärfsten Waffen der Menschen. In Würde
zur Hinrichtung zu gehen mag schlimm genug sein. Aber wenigstens bleibt
einem diese Würde. Die wenigstens kann einen aufrechterhalten.
Doch in der schwersten Stunde verspottet zu werden? Zum Spott kommen
die körperlichen Qualen. So die Geißelung. Die Schläge,
die die Haut vom Körper reißen und die das Blut fließen
lassen. Es ist schwer, sich dieses Leiden vorzustellen. Und noch schwerer,
sich vorzustellen, dass es Menschen gibt - und zwar alle Zeiten hindurch
bis heute -, die Menschen solches Leid zufügen.
Dann, nach Geißel und
Spott, muss er das Kreuz zur Hinrichtungsstätte tragen. Doch es
ist zu schwer. Er kann es allein nicht tragen, er muss sich helfen lassen.
Der starke Christus, der Sohn Gottes ist zu schwach, um seine Last zu
tragen. Wenn wir daran denken, dann können wir auf die Schwäche
der Menschen, die begrenzte Kraft, nicht mehr herabschauen. Christus
ging es genauso. Sein Körper war so schwach wie der unsere. Am
Boden lag Gottes Sohn. Und all das, war erst der Anfang seines Leidenswegs.
Wir bekennen den leidenden
Christus. In diesem Leiden setzt sich seine Menschwerdung weiter fort.
Er macht all das durch, was wir Menschen durchmachen müssen. Mehr
als was die meisten von uns erleiden müssen. Damit ist alles Leiden
nicht nur unsere Schwäche. Im Leid, im Verspottet-werden, sind
wir so wie Christus, unser Herr.
Thomas Gerold
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