Hinabgestiegen
in das Reich des Todes
Dieses Bekenntnis im Credo
erscheint uns in der heutigen Übersetzung wie ein Umschreibung
von "gestorben". Doch hier ist mehr gemeint. Seinen Tod
haben wir schließlich vorher schon bekannt. Beim Verständnis
helfen uns ältere Übersetzungen. So heißt die traditionelle
anglikanische Übersetzung des Book of Common Prayer "descended
into hell", also "hinabgestiegen in die Hölle".
Damit wird dieser Satz zunächst noch unverständlicher. Zugleich
zeigt sich aber eine tiefere Bedeutung, als das bloße "gestorben",
das uns nichts Neues sagen würde. Ich werde deshalb versuchen,
Zugänge zu finden, die uns helfen, Aussage tiefer zu verstehen.
Wir können die Höllenfahrt
Christi z. B. mit Hans Urs von Balthasar als die Gottverlassenheit
Jesu Christi am Kreuz verstehen. Markus übermittelt uns "Mein
Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen" (Mark 15,34) als
Jesu letzte Worte am Kreuz. Der Sohn Gottes ist von Gott verlassen.
Er fühlt tiefste Gottverlassenheit. Die Ferne von Gott. Das ist
die schlimmste menschliche Erfahrung. Das ist Hölle, die nicht
in erster Linie ein Ort sondern die Ferne von Gott ist. Bei Jesus
ist sie besonders tragisch. Da er - der ewige Sohn - die volle Gemeinschaft
mit Gott kennt. Aber der scheint ihn verlassen zu haben. Das ist einerseits
ein schrecklicher Gedanke, aber zugleich ein tröstlicher. Es
heißt auch: Christus ist uns in der Gottverlassenheit nahe.
Auch wenn wir Gottes Nähe nicht spüren, wenn wir verzweifelt
sind. Christus teilt mit uns diese Erfahrung. Auch er hat sie gemacht.
Vielleicht ist das sogar notwendig. Ansonsten hätte Christus,
der eben nicht nur wahrer Gott sondern auch wahrer Mensch ist, eine
- und vielleicht die schwerste - der Mühen des Menschseins, nicht
mit uns geteilt. Darüber hinaus können wir mit Balthasar
überlegen, ob dies Gottverlassenheit Christi nicht bedeuten könnte,
dass selbst derjenige, der sich von Gott abgewendet hat, in dieser
selbstgewählten Gottverlassenheit Christus begegnet.
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Die Begegnung derer, die
die Gottverlassenheit gewählt haben, mit Christus führt uns
zu einer zweiten, sehr alten Deutung der Höllenfahrt. Im Petrusbrief,
einer der weniger bekannten neutestamentlichen Schriften, begegnen wir
der Aussage: "So ist er auch zu den Geistern gegangen, die im Gefängnis
waren, und hat ihnen gepredigt." (Petr. 3,19). Möglicherweise
könnte der Satz dafür stehen, dass sich Jesus eben auch denen,
die ihn nicht gekannt haben, gezeigt hat. Dass er sich ihnen mitgeteilt
hat. Dass er ihnen damit eine Möglichkeit zur Rettung geboten hat.
Diese unverständlich dunkel wirkende Aussage des Credos kann uns
daraus aufmerksam machen, dass Christus auch der außerchristlichen
Welt, den Menschen die nicht an ihn glauben, die Rettung ermöglichen
kann. Bzw. ihnen die Rettung ermöglicht und eröffnet hat.
Mit diesem Verständnis kann für uns auch dieser zunächst
sehr dunkle Satz des Credos zur Quelle zur Freude werden.
Thomas Gerold
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