Ich
glaube an Gott
Der Anfang des Glaubensbekenntnisses
ist sehr kurz und seine Bedeutung scheint klar auf der Hand zu liegen.
Doch bei etwas Nachdenken wirft er Fragen auf: Zunächst: Wer ist
eigentlich Gott? Das wird im Verlauf der Serie klarer werden. Schon
beim nächsten Mal, bei "den Vater" werden wir uns ihm
nähern. Deshalb konzentriere ich mich diesmal auf die Frage: Was
heißt: "Ich glaube"?
Was also meinen Christen,
wenn sie sagen "ich glaube an Gott"? Heißt das nur:
"Ich halte es für wahr, daß es Gott gibt"? Das
gehört sicher dazu. Aber es genügt nicht. Der Glaube kann
sich nicht nur auf den Verstand des Menschen beschränken, sonst
ist er kein echter Glaube. Dazu gehört nämlich auch ein "JA"
zu Gott. Nicht nur zu sagen: Es gibt Gott. Und sich dazu zu denken,
daß geht mich nichts weiter an. Sondern auch zu sagen: Du bist
mein Gott. Nicht in dem Sinn, der Gott, der mir gehört, sondern
in dem Sinn, der Gott, dem ich gehöre. Zu dem ich gehöre.
Dem ich vertraue und nach dem ich mein Leben ausrichte.
Diese Ausrichtung des eigenen
Lebens auf Gott ist nicht nur eine Nebenbeschäftigung, sondern
die entscheidende Aufgabe für das ganze Leben. Dieses Glauben erschöpft
sich nicht im Besuch eines Sonntagsgottesdienstes, sondern muß
unter der Woche weitergehen und alle Bereiche des Lebens durchdringen.
Wie das im einzelnen aussieht, ist sehr unterschiedlich. Manch einer
wird Mönch oder Nonne, andere heiraten und leben als Verheiratete
ihren Glauben. Manche ergreifen Berufe in der Kirche, andere bemühen
sich z. B. Wirtschaftsleben und Christsein zu verbinden. In all diesen
Bereichen gelingt das natürlich nicht immer. Und Glaube hat auch
nichts mit Erfolg in der Welt zu tun. Privates oder berufliches Scheitern
zeugt nicht von schlechtem Glauben, sondern ist eine besondere Herausforderung.
Es ist kein Zeichen für Christen zweiter Klasse. Immerhin predigte
Christus ganz besonders zu den Gescheiterten.
Zum Glauben gehört Vertrauen
auf Gott. Vielleicht ermöglicht es erst, sich voll und ganz auf
Gott einzulassen. Kann man sich jemandem anvertrauen, dem man nicht
vertraut? Nun gibt es viele, die Gott nicht vertrauen. Kann man ihnen
das vorwerfen? Ich denke nicht. Das Vertrauen auf Gott ist nicht so
einfach möglich. Es ist - wie der Glaube insgesamt - in erster
Linie Geschenk Gottes und keine menschliche Leistung. Das gilt sowohl
für die Gewißheit seiner Existenz als auch für das Vertrauen
auf ihn. Und Gott schenkt dieses Geschenk zu dem Zeitpunkt, zu dem er
es für richtig hält. Nur muß der Mensch dieses Geschenk
auch annehmen. Er muß dafür offen sein. Manchmal hat er schon
von Kindheit an die Gelegenheit, in diese Beziehung zu Gott hineinzuwachsen.
Manchmal muß er sich selbst auf die Suche machen, ohne zunächst
zu wissen, wonach er sucht. Bis er dann merkt, daß sich hinter
dem undefinierbaren Sinn des Lebens Gott verbirgt. Man muß ganz
danach suchen und vor allem alles, was im Weg ist, also die falschen
Götter, entfernen. Das sind meist nicht irgendwelche Götter
wie einst Zeus, sondern Geld, Macht, Karriere und ähnliches. Sie
müssen zwar nicht aus dem Leben verbannt, aber an den richtigen
Platz gestellt werden. Sie sind nicht das große Ziel, sondern
nur ein paar Hilfsmittel auf dem Weg. Wenn sich dann der eigene Glaube
zu entwickeln beginnt - wenn auch immer mit Rückschlägen -
dann lernt man seine tröstende und seine fordernde Seite kennen.
Tröstend; denn es ist immer eine Hilfe, wenn der, der hinter der
Welt steht, zu einem steht. Fordernd; denn wenn man jemandem ganz traut,
dann kann man ihn nicht mehr ignorieren. Dann ist er ein Faktum im eigenen
Leben. Dann muß man das eigene Leben an ihm ausrichten.
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Vielleicht mag sich mancher
Leser fragen: Lebt der Verfasser dieses Beitrags eigentlich selbst,
was er sagt? Das Dilemma mit dem Christentum ist: Es ist besser, als
es jemand vorleben könnte. Würde ich nur das niederschreiben,
was ich selbst schon voll geschafft hätte, dann würde ich
den Glauben auf das reduzieren, was ich selber leisten kann. Und das,
obwohl Gott unser Maßstab ist und kein Mensch. Als Christen sind
wir gemeinsam auf dem Weg. Auf Erden sind wir auf der gemeinsamen Pilgerschaft.
Alle mit unseren Stärken und Schwächen. Und mit den wenigen
Stärken, die wir haben, müssen wir uns eben gegenseitig helfen,
so gut es eben geht.
Ich möchte meine Leser
dazu einladen, das Glauben zu versuchen. Die Schritte, die man dafür
zu gehen hat, sind unterschiedlich. Derjenige, der kein Christ ist,
kann versuchen das Christentum kennenzulernen. Der Christ kann sich
fragen: Wie weit geht mein Glaube? Bedeutet er etwas für mein Leben?
Dieses Wagnis wird von Zweifeln und Rückschlägen begleitet
sein. Lassen Sie sich davon nicht entmutigen; denn ich bin zutiefst
davon überzeugt, daß Gott zu uns hält.
Thomas Gerold
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