Theologie und Glaube - Apostolicum VI


 

 

Seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn

 

Diese Worte des Credos sind schon sprachlich schwer zu verstehen. Was ist mit dem "eingeborenen Sohn" gemeint? Es meint den einen Sohn des göttlichen Vaters. Jesus Christus ist dieser eine Sohn des Vaters.

Doch wie kann Christus der eine Sohn sein? Dürfen wir nicht alle Gott Vater nennen? Immerhin dürfen wir ihn doch jeden Tag neu im Vater Unser als Vater ansprechen. Hat Gott nicht viele Kinder?

Christus ist in besonderer Weise Sohn des Vaters. Christus ist nicht nur Mensch, sondern auch Gott. Wir wurden von Gott gemacht. Doch hat Gott uns nicht gemacht, um uns dann im Stich zu lassen sondern er hat uns durch Christus erlöst und will uns in Gemeinschaft mit ihm vereinen. Christus wurde nicht gemacht, sondern - so die alte christliche Sprachregelung - gezeugt. Wie diese göttliche Zeugung genau zu verstehen ist, übersteigt unser menschliches Vorstellungsvermögen. Hier bietet nun der Mensch einen guten Vergleichspunkt, um das Verhältnis zwischen Christus und dem Vater wenigstens ansatzweise zu verstehen. Der Sohn bzw. die Tochter eines Menschen ist wiederum Mensch. In dieser Beziehung gibt es zwischen Eltern und Kindern keinen Unterschied. Beide stehen auf einer Ebene. Beim Sohn Gottes ist das genauso. Der Sohn Gottes muss Gott sein. Er muss aber auch Mensch sein, was bei der Betrachtung des Apostolicums erst in Zusammenhang mit seiner Mutter Maria und seinem Leiden und Tod näher entfaltet werden kann. Als wahrer Sohn Gottes ist Christus in einer Weise mit dem Vater verbunden, die wir uns nicht vorstellen können. Das ist er von Anfang an. Er ist der ewige Sohn des Vaters. Er ist schon vor seiner irdischen Lebenszeit Sohn des Vaters und mit ihm in seiner Herrlichkeit geeint. Er ist so sehr mit dem Vater eins, dass beide nicht zwei sondern eins sind. Das können wir uns nicht vorstellen. Ihr Verhältnis übertrifft unsere Vorstellungskraft. Dieses ewige, unbeschreiblich nahe Verhältnis ist einzigartig.

Nun ist es auf den ersten Blick schwierig, den ewigen Sohn des Vaters mit Jesus zu identifizieren. Aber die Christenheit ist davon überzeugt, dass dieser ewige Sohn sich eben nicht darauf beschränkt hat, die göttliche Herrlichkeit zu genießen, sondern dem Willen des Vaters entsprechend Mensch geworden ist. Er ist auf die Erde hinabgestiegen, um uns nahe zu sein. Damit ist der in Christus menschgewordene Gott auf die Erde herabgestiegen und hat unter uns gelebt. Mit seiner Menschwerdung hat Christus die Mauer zwischen Gott und Mensch eingerissen. Denn in Christus ist ein Mensch so sehr mit dem ewigen Sohn des Vaters vereint, dass beide eins sind. Es gibt schließlich nicht einen göttlichen und einen menschlichen Christus sondern nur einen Christus, der Gott und Mensch ist. Indem wir mit Christus unserem Herrn eins werden, gehören auch wir in diese Gemeinschaft zwischen Christus und dem Vater hinein. So haben auch wir die Möglichkeit, selbst Kinder Gottes zu werden


 


 

 

 

Wir bekennen nun Jesus Christus nicht nur als den eingeborenen Sohn, sondern wir bekennen ihn auch als "unseren Herrn". Das Wort Herr weckt Assoziationen. Im Alten Testament wurde es meist für Gott gebraucht. Wer also, wie schon die frühesten Christen Jesus so bezeichnet, der belegt Christus mit einem göttlichen Titel und erkennt ihn als Gott an. In dieser Hinsicht gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Bekenntnis, dass Christus der Sohn Gottes und der Herr ist. Beide bekennen die Gottheit Christi.

Nun sagen wir, wenn wir Christus als unseren Herrn bekennen, auch etwas über uns selbst aus. Er ist unser Herr. Wir gehören zu ihm. Das scheint nicht in unsere freiheitsliebende Zeit zu passen. Doch es hat auch etwas Befreiendes; denn wenn Christus unser Herr ist, dann sind alle angeblichen Herren der Welt zweitrangig. Kein Mensch, keine Partei, kein Unternehmen, kein Staat darf ganz über einen Menschen herrschen. All diese menschlichen Strukturen werden durch Christus relativiert. All diese Strukturen sind zweitrangig. Viele von ihnen haben einen Sinn, wenn es z. B. um die Ordnung des Zusammenlebens geht, aber sie sind vorläufig. Viel wichtiger als alle irdischen Unterschiede ist, dass wir gemeinsam Diener Christi sind. Der König und der Bettler sind beide Diener Christi und es ist nicht gesagt, dass der König immer der bessere Diener ist. Manchmal erfüllt der Bettler besser den Willen des Vaters. Es besagt darüber hinaus, dass es auf der nur menschlichen Ebene kein wirkliches Diener-Herr-Verhältnis gibt. Unser wahrer Herr ist Jesus Christus, Mensch und Gott. Alle irdischen Herren sind zweitrangig. Das ist eine wirklich befreiende Botschaft.

Thomas Gerold

 

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