Seinen
eingeborenen Sohn, unsern Herrn
Diese Worte des Credos
sind schon sprachlich schwer zu verstehen. Was ist mit dem "eingeborenen
Sohn" gemeint? Es meint den einen Sohn des göttlichen
Vaters. Jesus Christus ist dieser eine Sohn des Vaters.
Doch wie kann Christus
der eine Sohn sein? Dürfen wir nicht alle Gott Vater nennen?
Immerhin dürfen wir ihn doch jeden Tag neu im Vater Unser als
Vater ansprechen. Hat Gott nicht viele Kinder?
Christus ist in besonderer
Weise Sohn des Vaters. Christus ist nicht nur Mensch, sondern auch
Gott. Wir wurden von Gott gemacht. Doch hat Gott uns nicht gemacht,
um uns dann im Stich zu lassen sondern er hat uns durch Christus erlöst
und will uns in Gemeinschaft mit ihm vereinen. Christus wurde nicht
gemacht, sondern - so die alte christliche Sprachregelung - gezeugt.
Wie diese göttliche Zeugung genau zu verstehen ist, übersteigt
unser menschliches Vorstellungsvermögen. Hier bietet nun der
Mensch einen guten Vergleichspunkt, um das Verhältnis zwischen
Christus und dem Vater wenigstens ansatzweise zu verstehen. Der Sohn
bzw. die Tochter eines Menschen ist wiederum Mensch. In dieser Beziehung
gibt es zwischen Eltern und Kindern keinen Unterschied. Beide stehen
auf einer Ebene. Beim Sohn Gottes ist das genauso. Der Sohn Gottes
muss Gott sein. Er muss aber auch Mensch sein, was bei der Betrachtung
des Apostolicums erst in Zusammenhang mit seiner Mutter Maria und
seinem Leiden und Tod näher entfaltet werden kann. Als wahrer
Sohn Gottes ist Christus in einer Weise mit dem Vater verbunden, die
wir uns nicht vorstellen können. Das ist er von Anfang an. Er
ist der ewige Sohn des Vaters. Er ist schon vor seiner irdischen Lebenszeit
Sohn des Vaters und mit ihm in seiner Herrlichkeit geeint. Er ist
so sehr mit dem Vater eins, dass beide nicht zwei sondern eins sind.
Das können wir uns nicht vorstellen. Ihr Verhältnis übertrifft
unsere Vorstellungskraft. Dieses ewige, unbeschreiblich nahe Verhältnis
ist einzigartig.
Nun ist es auf den ersten
Blick schwierig, den ewigen Sohn des Vaters mit Jesus zu identifizieren.
Aber die Christenheit ist davon überzeugt, dass dieser ewige
Sohn sich eben nicht darauf beschränkt hat, die göttliche
Herrlichkeit zu genießen, sondern dem Willen des Vaters entsprechend
Mensch geworden ist. Er ist auf die Erde hinabgestiegen, um uns nahe
zu sein. Damit ist der in Christus menschgewordene Gott auf die Erde
herabgestiegen und hat unter uns gelebt. Mit seiner Menschwerdung
hat Christus die Mauer zwischen Gott und Mensch eingerissen. Denn
in Christus ist ein Mensch so sehr mit dem ewigen Sohn des Vaters
vereint, dass beide eins sind. Es gibt schließlich nicht einen
göttlichen und einen menschlichen Christus sondern nur einen
Christus, der Gott und Mensch ist. Indem wir mit Christus unserem
Herrn eins werden, gehören auch wir in diese Gemeinschaft zwischen
Christus und dem Vater hinein. So haben auch wir die Möglichkeit,
selbst Kinder Gottes zu werden
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Wir bekennen nun Jesus Christus
nicht nur als den eingeborenen Sohn, sondern wir bekennen ihn auch als
"unseren Herrn". Das Wort Herr weckt Assoziationen. Im Alten
Testament wurde es meist für Gott gebraucht. Wer also, wie schon
die frühesten Christen Jesus so bezeichnet, der belegt Christus
mit einem göttlichen Titel und erkennt ihn als Gott an. In dieser
Hinsicht gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Bekenntnis, dass Christus
der Sohn Gottes und der Herr ist. Beide bekennen die Gottheit Christi.
Nun sagen wir, wenn wir Christus
als unseren Herrn bekennen, auch etwas über uns selbst aus. Er
ist unser Herr. Wir gehören zu ihm. Das scheint nicht in unsere
freiheitsliebende Zeit zu passen. Doch es hat auch etwas Befreiendes;
denn wenn Christus unser Herr ist, dann sind alle angeblichen Herren
der Welt zweitrangig. Kein Mensch, keine Partei, kein Unternehmen, kein
Staat darf ganz über einen Menschen herrschen. All diese menschlichen
Strukturen werden durch Christus relativiert. All diese Strukturen sind
zweitrangig. Viele von ihnen haben einen Sinn, wenn es z. B. um die
Ordnung des Zusammenlebens geht, aber sie sind vorläufig. Viel
wichtiger als alle irdischen Unterschiede ist, dass wir gemeinsam Diener
Christi sind. Der König und der Bettler sind beide Diener Christi
und es ist nicht gesagt, dass der König immer der bessere Diener
ist. Manchmal erfüllt der Bettler besser den Willen des Vaters.
Es besagt darüber hinaus, dass es auf der nur menschlichen Ebene
kein wirkliches Diener-Herr-Verhältnis gibt. Unser wahrer Herr
ist Jesus Christus, Mensch und Gott. Alle irdischen Herren sind zweitrangig.
Das ist eine wirklich befreiende Botschaft.
Thomas Gerold
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