Die
Vergebung der Sünden
Wir glauben
an die Vergebung der Sünden. Mit diesem Bekenntnis nähern
wir uns dem Ende des Apostolikums. Es folgen nur noch die Auferstehung
der Toten und das ewige Leben, die beide eng mit der Vergebung zusammen
hängen.
Um die Größe
dieser Hoffnung zu verstehen, muss man - auch wenn es nicht ganz dem
Zeitgeist entsprechen mag - die Sünde des Menschen erst nehmen.
Das Leben des Menschen ist von Sünde geprägt. Jeder tut viel,
was nicht gut ist. Kein Mensch hat ein Verhältnis zu Gott, das
wirklich ganz in Ordnung ist. Die einzige Ausnahme ist Christus. In
der Welt als ganzer ist die Präsenz der Sünde ersichtlich.
Sie ist von Gier und Hass verunstaltet. Hunger, Kriege, Verbrechen,
Elend und Not hängen damit zusammen. Jeder Mensch wird immer wieder
mit der eigenen Sünde - und auch mit der der anderen - konfrontiert.
Und so sehr wir uns auch anstrengen, wir bekommen dieses Problem selbst
nicht in den Griff. Ich denke, jeder hat sich schon vorgenommen, etwas
nicht mehr zu tun, und ist dabei gescheitert. Das entspricht genau der
Situation des Menschen.
Die Welt kennt
nun vor allem eine Antwort auf die schlechten Taten der Menschen: Strafe
und Vergeltung. Wenn jemand etwas Böses tut, muss er bestraft werden.
Er, der dem anderen Leid zugefügt hat, muss selbst leiden. Und
wenn einem etwas angetan wird, dann revanchiert man sich eben. Diese
Antwort der Welt ist in gewisser Weise verständlich. Sie hat sogar
ihr Gutes, weil die Angst vor Strafe sicher auch vielen geholfen hat,
etwas Schlechtes nicht zu tun. Vielleicht hätte ja doch manch einer
versucht, seine Geldsorgen mit einem Banküberfall zu beheben, wenn
ihm nicht die fünf Jahre Mindeststrafe zu viel gewesen wären.
Und manch einer würde sich noch weniger bemühen, zu seinen
Mitmenschen freundlich zu sein, wenn er nicht wüsste, dass die
meisten Unfreundlichkeiten wieder zurückkommen. In diesem Sinne
ist der Wunsch der Menschen nach Strafe und Vergeltung manchmal eine
Hilfe. Aber dass er keine Lösung des Problems ist, zeigen die letzten
Jahrtausende. Dieses Mittel wird seit Jahrtausenden angewandt. Es konnte
vielleicht Auswüchse verhindern, aber das Grundproblem hat es sicher
nicht gelöst.
Im Credo bekennen
wir die Lösung, die Gott anbietet: Die Vergebung der Sünden.
Er will nicht vergelten, sondern vergeben. Er ist bereit, uns anzunehmen
und unsere Sünden abzuhaken. Das ist ein großartiges, Hoffnung
machendes Angebot. Er sagt nicht, ihr müsst irgendwie diese Sünden
alle abbüßen, Gott bietet seine Vergebung an. Und es gehört
zu der Größe des Angebots Gottes, dass er selbst nicht davon
profitiert. Er ist ohne Sünde, ihm muss nicht vergeben werden.
Wir werden mit der Vergebung beschenkt, er ist der, der nur schenkt.
Ja, er ist sogar der, der in Christus am Kreuz die Folgen der Sünde
selbst auf sich nimmt.
Nun darf man
die Vergebung der Sünden aber nicht als Einladung zur weiteren
Sünde missverstehen. Schon Paulus musste in seinen Gemeinden die
Haltung bekämpfen: Umso mehr wir sündigen, umso mehr kann
Gott uns vergeben. Das ist nicht gemeint. Gerade in den Evangelien wird
das Angebot der Vergebung mit der Aufforderung zur Umkehr verbunden.
Wir müssen den anderen mit Liebe begegnen, nicht mit Hass, wir
müssen uns auf Gott und seinen Willen einlassen. Wir dürfen
uns ihm nicht verschließen. Wir müssen und dürfen bewusst
als Kinder des himmlischen Vaters und damit als Brüder und Schwestern
leben. Dazu müssen wir viel Falsches aufgeben, unser Leben ändern,
Gier, Hass und Selbstsucht daraus verschwinden lassen. Diese Aufgabe
bleibt, aber sie wird dadurch erst möglich, dass Gott nicht auf
die Liste unserer vielen Sünden schaut, sondern immer wieder bereit
ist, diese auszulöschen. Er erkennt unser Bemühen an. Er macht
es durch seine Hilfe erst möglich. Er weist uns nicht ab, obwohl
wir unterwegs immer wieder fallen. Ja, er hilft uns auf. Aber er verlangt
von uns, dass wir nach jedem Sturz versuchen, wieder aufzustehen. In
der Sünde liegen zu bleiben, das kann er uns nicht erlauben; denn
das würde bedeuten, uns für immer der Sünde zu überlassen.
Auch wenn es manchmal schwer ist, Hass zu überwinden, der ja durchaus
verständliche Gründe haben kann, wäre es wirklich erstrebenswert,
für immer hassen zu dürfen. Oder wäre das nicht die schlimmste
Strafe?
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Eine zweite Herausforderung
kommt hinzu: Gott vergibt uns, aber wir müssen auch vergeben. Gerade
im Vater Unser wird dieser Zusammenhang immer wieder klar ausgedrückt:
"Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern."
Es kann nicht angehen, dass Gott einem Menschen vergibt und wir diesen
weiter in unserem Zorn verfolgen. Dann nämlich sind wir das Problem.
Nun ist diese Pflicht zur Vergebung eine echte Herausforderung. Es gibt
viele Kleinigkeiten, die leicht vergeben werden können. Das eine
oder andere im Stress gesagte böse Wort lässt sich ganz gut
vergeben. Oder die eine oder andere kleine Nachlässigkeit. Das
geht, obwohl selbst solche Kleinigkeiten zu einer tiefen und erbitterten
Feindschaft führen können. Aber wenn ein Mensch einem anderen
etwas wirklich Schlimmes antut, dann muss die Vergebung sehr schwer
sein, ja geradezu übermenschlich. Und doch gibt es dazu keine Alternative.
Nun gilt es aber auch, Missverständnisse
zu vermeiden. Die christliche Pflicht zur Vergebung bedeutet nicht,
die Menschen einfach Böses tun zu lassen. Wenn ein Mensch einem
anderen Schaden zufügt, muss man eingreifen. Der Einsatz gegen
Unrecht und die Vergebung sind keine Widersprüche. Jemanden davon
abzuhalten, etwas Böses zu tun, ist für diesen sogar eine
Hilfe, weil es ihn daran hindert, sich immer noch tiefer ins Böse
zu verstricken. Und wer sich davon abhalten lässt, der tut einem
anderen eben auf eine bestimmte Weise kein Leid an. Und damit gibt er
auch keinen Anlass, den Hass in der Welt noch weiter zu vertiefen. Aber
auch wenn der Christ gegen Unrecht ankämpfen darf und muss, so
muss doch das Ziel immer die Versöhnung sein. Die Bereitschaft
gehört immer zum Christsein.
Nun könnte man sagen,
Gott tut sich leicht, Vergebung zu fordern. Ihm wird ja nichts getan.
Doch ist das richtig? Er hat Menschen geschaffen: jeden von uns. Und
wie verhalten wir uns, ganz anders als er es will. Und doch, er nimmt
uns immer wieder neu an. Würden wir das auch tun? Und in Christus
hat Gott die Folgen des menschlichen Handelns wirklich selbst erlebt.
Er kam in die Welt, um sie zu retten und was war das Ergebnis? Er wurde
verraten, gegeißelt und gekreuzigt. Er wurde auf die schlimmste
damals übliche Weise hingerichtet. Er hat selbst erlebt, wozu der
Mensch fähig ist, wozu die Sünde im Ergebnis führt. Und
er hat für diejenigen um Vergebung gebeten. Damit ist er unser
großes Vorbild.
Die Vergebung ist sowohl
die große Zusage Gottes an den Menschen als auch die größte
Herausforderung an den Menschen. Wir dürfen darauf bauen, dass
Gott immer wieder bereit ist, uns zu vergeben. Und wir müssen zugleich
versuchen, immer wieder selbst unseren Mitmenschen zu vergeben. Beides
gehört zusammen. Beides gehört zum Christsein.
Thomas Gerold
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