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Interview mit Prof.
Dr. Konrad Hilpert
über die Ereignisse
in Erfurt am 26. April 2002
Prof. Dr. Hilpert ist seit einem Jahr zuständig für das Fach
Moraltheologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Die Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit sind Bioethik, Menschenrechte,
Beziehungsethik und das Verhältnis von Moral und Öffentlichkeit.
Q.E.D.: Halten Sie
die Tat von Erfurt für eine Einzeltat oder für den Beginn eines
"neuen Trends"?
Hilpert: Man kann nur hoffen, dass die Tat von Erfurt eine Einzeltat
bleibt und nicht Anfangspunkt einer neuen Serie von Jugend- und Schulgewalt
ist. Jedes Verbrechen, das geschieht, ist zunächst einmal eine Einzeltat.
Aber natürlich kann man nie sicher sein, dass es immer wieder zu
neuen schlimmen Einzeltaten kommt. Auch lässt sich nicht in Abrede
stellen, dass wir es bei der Tat von Erfurt mit einer neuen Qualität
und Quantität von Gewalt zu tun bekommen haben. Und das beunruhigt.
Solange die Beunruhigung anhält und die Öffentlichkeit, aber
auch die Verantwortlichen, aufmerksam werden für die Signale, dass
andere in ihrer Umgebung unglücklich sind oder sich absondern, darf
man zuversichtlich sein, dass diese Wahnsinnstat nicht zum Auftakt für
eine Serie wird.
Q.E.D.: Was sagen
die Geschehnisse von Erfurt über unsere Gesellschaft aus?
Hilpert:Ob man von den Geschehnissen in Erfurt direkt auf den Zustand
unserer Gesellschaft schließen kann und darf, bezweifle ich. Aber
sicher macht das, was da passiert ist, Schwachstellen offenkundig. Diese
Schwachstellen betreffen alle grob gesagt den Übergang junger Menschen
zum Erwachsenensein. Was immer im einzelnen ausschlaggebend gewesen sein
mag: die familiäre Konstellation, das Versagen in der Schule, eine
rigide Regelung für vorzeitige Schulabgänger, die verschlossenen
Zukunftswünsche oder der Rückzug in eine nach außen abgedichtete
Medienwelt - macht dieser Fall doch auch deutlich, in welchem Maße
sich in unserer Gesellschaft bereits bei jungen Menschen Kränkungen,
Selbstwertzweifel, Sprachlosigkeit, aber auch die Unmöglichkeit oder
gar Unfähigkeit, über Gefühle zu sprechen und mit Konflikten
umzugehen, ansammeln können. Anders ausgedrückt: Es wäre
albern und unangemessen, die Schuld an dem Schlimmen, was in Erfurt passiert
ist, einfach nur bei der Gesellschaft zu suchen. Das würde weder
dem Täter gerecht, aber noch viel weniger den unzähligen Altersgenossen,
die unter denselben Bedingungen ihr Leben und ihre Zukunft gestalten,
ohne andere mit dem Tode zu bedrohen, die als Erwachsene mit ihnen leben
und ihnen etwas zu geben versuchen. Aber man kann sicher sagen, dass die
Gesellschaft, so wie sie ist - mit ihren unzähligen Wahlmöglichkeiten,
mit ihren sehr dezidierten Leistungserwartungen und ihrer Individualisierung
- heute den jungen Menschen enorm viel abverlangt und sie irritiert oder
allein lässt und dort, wo jemand mit diesen Anforderungen nicht zurecht
kommt, offensichtlich über zu wenig Möglichkeiten verfügt,
ihn aufzufangen und individuelle Alternativen zu eröffnen.
Q.E.D.: Lassen sich
solche Vorfälle verhindern?
Hilpert: Mit letzter Gewissheit sicher nicht. Die Leute - und das
sind ja konkret: Schüler an anderen Schulen, Eltern und Großeltern
von Schülern - wünschen das verständlicherweise am allermeisten.
Und deshalb bewegt sich die politische Bearbeitung dieses Vorgangs eben
zu großen Teilen und allzu schnell auf der Oberfläche von Maßnahmen
der Art: Welche gesetzliche Bestimmung über Waffenerwerb, Mindestalter,
Medienkontrolle usw. müssten verschärft werden? Oder: Wie können
wir unsere Schulen sicherer machen? Ich möchte gar nicht bestreiten,
dass solches auch erwogen und geprüft werden muss. Aber Überlegungen
dieser Art betreffen eigentlich immer nur die Kontrollsicherungen gegen
den Katastrophenfall. Sie greifen viel zu kurz, wenn man nicht gleichzeitig
auch merken will, dass - um im Bild zu bleiben - das Stromnetz andauernd
überlastet ist oder einzelne Geräte einen Kurzschluss haben.
Wenn man solche Vorfälle wie die in Erfurt wirklich verhindern oder
wenigstens unwahrscheinlich machen will, muss man viel früher ansetzen,
nämlich dort, wo junge Menschen erzogen, begleitet, auf ihrem Lebensweg
beraten und individuell unterstützt werden. Eine Kultur der Sorgfalt,
der Aufmerksamkeit, der Kommunikation, der Anerkennung, der individuellen
Förderung, vielleicht auch der Kooperation und auf jeden Fall der
Konfliktbearbeitung - das erscheinen mir die wirklichen Herausforderungen
zu sein.
Q.E.D.: Kann die
Kirche einen besonderen Beitrag leisten?
Hilpert: Wenn ich selber zurückdenke an meine eigene Jugendzeit,
dann konnte ich - und das galt damals für die meisten meiner Alterskameraden
- auf eine Reihe von festen Gruppen (z.B. Pfadfinder, Ministranten) und
lockere Freundschaften (Musik und Chor, Primanerforum, Filmclub, regelmäßige
Tanzveranstaltungen an den großen Festen, Drei-Königs-Singen,
auch die Zusammenarbeit mit dem einen oder anderen Kaplan) im kirchlichen
Raum "zurückgreifen", die in schwierigeren Phasen als entlastend
empfunden und zugleich verbindend wirkten. Alle Jugendlichen machen ja
Zeiten und Phasen durch, wo das Verhältnis zu den Eltern angespannt
ist, und seien diese noch so liebevoll und vernünftig. Und selbst
ein Schüler, der sich mit den Anforderungen der Schule leicht tut,
hat einzelne Lehrer, mit denen er weniger gut oder emotional überhaupt
nicht zurecht kommt. Dies überhaupt aussprechen zu können oder
wenigstens Orte und Gelegenheiten zu haben, wo das keine Rolle spielt
und wo man sich sozusagen in anderen Qualitäten erfahren kann, hilft
den Stress in anderen Bereichen zu ertragen. Deshalb ist m.E. Jugendarbeit
der wichtigste und der wertvollste Beitrag, den die Kirche in diesem Zusammenhang
leisten kann. Und ich bedaure es, wenn gerade in diesem Bereich in der
Kirche gegenwärtig so viel wegbricht oder das Feld achselzuckend
anderen Anbietern überlassen wird.
Q.E.D.: Die Tat eines
Einzelnen hat eine ganze Nation, ja sogar die ganze Welt erschüttert.
"Erzieht" unsere Gesellschaft solche Täter? Was veranlasst
zu solch einer Tat?
Hilpert: Darüber können wir eigentlich nur Vermutungen anstellen,
weil wir in den Kopf des Täters nicht hineinschauen können und
er selbst uns keine Auskunft mehr geben kann. Aber die Fachleute, sprich:
Psychologen, Soziologen und auch manche Kriminologen geben uns doch ein
paar ganz gezielte Antworthinweise. Z.B. den, dass solche Taten psychodynamische
Versuche sind, durch Demonstration von Macht und Überlegenheit erfahrene
Kränkungen, fehlende Anerkennung und das Gefühl, zu nichts zu
taugen, auszugleichen. Oder den anderen Hinweis, dass ein typisches Problem
familiärer Existenz heute das Nicht- oder Zu-wenig-miteinander-Sprechen
ist und die Minimierung der Interaktion zugunsten einer möglichst
schnellen Flucht in die individuelle Sonderwelt, die bereits hinter der
eigenen Tür beginnen kann; oder auch den Hinweis, dass die Gesellschaft
in vielen Bereichen Gewalt und Gewaltdarstellung in einem Ausmaße
unwidersprochen toleriert, dass wenigstens bei psychisch nicht noch wenig
gefestigten Menschen der Eindruck entstehen kann, das sei eben normal.
Q.E.D.: In der Öffentlichkeit
wird die Frage nach der Medienethik laut. Die Gewaltauswüchse in
den Medien werden schart kritisiert. Sind die Medien (Fernsehen, Video,
Computerspiele, Internet,...) schuld an Ereignissen wie Erfurt?
Hilpert: Ich glaube, die Zuweisung der Schuld an die Medien ist eine
Stellvertreterdiskussion, mit der man glaubt, den Dieb gefasst zu haben,
um dann wieder zur Tagesordnung übergehen zu können, bei der
selbstverständlich alles so bleibt, wie es vorher auch gewesen war.
Die Medien sind ja zu einem erheblichen Teil der Spiegel dessen, was in
der Gesellschaft gilt und wie man in der Gesellschaft denkt. Immerhin
ist bei dem Erfurter Verbrechen ganz unübersehbar, dass der Täter
das Drehbuch, nach dem er sein Verbrechen geplant und durchgeführt
hat, aus den Medien bezogen hat. Und das sollte nun schon zu denken geben,
weil es etwas mit der Brutalität der ganzen Handlung und auch mit
dem "Sich in die entsprechende Stimmung puschen", also man könnte
auch sagen: mit der Art der emotionalen Selbstmanipulation, in der eine
solche Tat überhaupt erst ermöglicht wird, zu tun haben könnte.
Der andere Punkt, der unbedingt näher betrachtet und bearbeitet werden
muss, ist - so denke ich - die Tatsache, dass die Medien (konkret sind
es ja vor allem das Fernsehen mit seinen unbeschränkt vielen Programmen
und der Computer) faktisch die Rolle von Sozialisationsagenten einnehmen,
also für viele junge Menschen über einen erheblichen Zeitraum
des Tages Begleiter und Partner sind. Was das wirklich und vor allem in
extremen Fällen (Kinder, Jugendliche, psychische Labilität,
fehlende Möglichkeiten zur Aussprache, Belastungs- und Enttäuschungssituationen)
für die Wahrnehmung und für die Sozialfähigkeit von erwachsen
werdenden Menschen bedeutet, das wissen wir noch nicht wirklich.
Die Forderung nach mehr "Medienethik" ist sicher sehr berechtigt,
aber man muss sich davor hüten, sie bloß als Verlegenheitsformel
für "eigentlich müsste man..., aber wir wissen nicht wie..."
zu gebrauchen. Eine vordringliche Zielrichtung von Medienethik sollte
es m.E. sein, die Seh-, Dechiffrier-, Auswahl- und Nutzungskompetenz junger
Menschen zu stärken und zu trainieren. Und dazu gehört natürlich
auch - und das wäre die zweite Zielrichtung, die auch viele strukturelle
Überlegungen nach sich ziehen müsste - den Blick aller, also
auch der Anbieter, der Produzenten, der Mitwirkenden und der Bezahler,
dafür zu stärken, dass Gewalt kein normales und probates Mittel
zur Lösung von Konflikten und Gefühlen der Wut ist. Wo Gewalt
dennoch geschieht, muss klar sein, was sie anrichtet, und auch, dass es
so eigentlich nicht sein sollte.
Q.E.D.: Der Begriff
der Medienethik wird noch in einem zweiten Aspekt diskutiert. Was halten
Sie von der Berichterstattung über den Vorfall in Erfurt?
Hilpert: Ich habe selber nur wenig Zeit gehabt, die Berichterstattung
über einen längeren Zeitraum genauer zu beobachten. Aber ich
habe sowohl im Fernsehen wie auch in den ernsthaften Zeitungen durchaus
eine Reihe wirklich guter und auch nachdenklicher und aller Sensationen
abholder Reportagen und Kommentierungen wahrgenommen. Es hat aber - und
dies sehe ich dann bei den Auslagen an den U-Bahn-Stationen - sicher auch
Verungleisungen in Gestalt schriller Schlagzeilen, politischer Instrumentalisierungen
und schamloser und übrigens auch instrumentalisierbarer Bilder von
trauernden Menschen gegeben. Einigermaßen geschmacklos ist für
mein Empfinden auch die Berichterstattung über solche Katastrophen
mit den eingeblendeten Aktienkursen. Wirklich zu schaffen machen mir in
diesem Zusammenhang aber vor allem drei Beobachtungen: Die erste betrifft
die schnelle und von den Journalisten noch am selben Tag aufgeworfene
Frage "Wer ist Schuld daran?" Die Antworten, die auf diese Frage
hastig formuliert werden, waren zum allergrößten Teil kurzschlüssig,
völlig unbeweisbar und manche auch ausgesprochen töricht. Das
zweite, was mich gestört hat, ist die ebenfalls sofort wie nach jedem
Katastrophenereignis gestellte Frage nach dem Zeitpunkt der Rückkehr
zur Normalität. Ich höre da zwischen den Zeilen immer auch heraus:
"Wie schnell dürfen wir endlich vergessen und wie lange müssen
wir uns stören lassen?" Ich meine, in solchen Momenten sind
eigentlich Trauer und Mitgefühl (in diesem Falle mit den Schülern,
mit den Angehörigen der Opfer, aber auch mit den Eltern des Täters)
die einzig angemessenen Reaktionen. Und dazu muss man sich erst einmal
von dem Geschehenen betreffen lassen und das Geschehene aushalten, und
dies alles ist auch eine Frage der Zeit, die man sich dafür lässt.
Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Humanität nur möglich
ist, wenn wir uns von der Inhumanität in unserer Nähe in diesem
Sinne auch verwunden lassen. Das dritte, was mich geradezu erschüttert
hat, ist die Reaktion mancher Menschen, die zu mir oder zu anderen, mit
denen ich darüber gesprochen habe, gesagt haben: "So etwas wie
in Erfurt passiert jeden Tag zigmal, wenn nicht hier, dann eben irgendwo
anders auf der Welt. Ich habe keine Zeit oder auch keine Lust, mich darüber
aufzuregen". Diese Reaktion der Einebnung provoziert in mir die Frage:
"Was bedeutet es für eine Gesellschaft eigentlich, wenn sie
solch eine Tat einfach für den Bestandteil unserer Wirklichkeit,
so wie sie eben ist, hält und sich nicht mehr darüber entrüsten
kann? Fehlt dann nicht die Voraussetzung dafür, gegen solche Verbrechen
vorzugehen und alles daranzusetzen, dass sie sich eben nicht wiederholen?"
Q.E.D.: Der Bundeskanzler
hat als Reaktion auf dieses furchtbare Ereignis die Verantwortlichen einiger
Sender an den runden Tisch gebeten. Was kann man von dieser Vorgehensweise
erhoffen?
Hilpert: Ich glaube, dass dies eine eher symbolische Initiative des
Bundeskanzlers ist. Sie demonstriert von Seiten der Regierung, dass angesichts
eines schlimmen Ereignisses politisch sofort gehandelt wird. Und sie demonstriert
von Seiten der Sender, dass man sich des Problems bewusst ist und dass
man die Stimmungslage vieler Menschen in der Bevölkerung ernst nehmen
möchte. Allerdings wird ein solcher, einmal oder mehrmals organisierter
runder Tisch allein nichts, aber auch gar nichts verändern. Vor allem
sitzen weder die privaten Sender noch die Hersteller und Anbieter von
Gewaltspielen und Internetbeiträgen mit am Tisch. Herauskommen kann
also bei der genannten Initiative bestenfalls eine Selbstverpflichtung
des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Das kann natürlich auch
ein kleiner Beitrag zur Ächtung von Gewalt sein, der der Öffentlichkeit
zeigt, wo die Grenzen des von der Gesellschaft Akzeptierten und Gewollten
verlaufen. Aber die private Nutzung der unermesslichen Ressourcen an Gewaltdarstellung,
Brutalität und Menschenverachtung vermag sie nicht wirklich zu kanalisieren.
Wenn es dennoch Ausdruck des gemeinsamen Wertebewusstseins und des Willens,
Gewalt einzudämmen, ist, ist es natürlich dennoch kein sinnloses
Unternehmen.
Q.E.D.: Vielen Dank
für das Gespräch!
das Interview
führte Gabriele Merk
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