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At the Back of the North Wind - Hinter dem Nordwind
von George MacDonald (1824-1905)
Ein phantastisches
Meisterwerk mit Tiefgang
At the Back of the North
Wind gehört zu MacDonalds bedeutendsten Werken. Es wird auch
heute - wie seine anderen beiden Kinderbuchklassiker The Princess
and the Goblins und The Princess and Curdie - immer wieder
neu in verschiedensten Ausgaben aufgelegt. Es gehört zu den großen
Kinderbuchklassikern, und dabei ist es keine einfache Unterhaltung.
In diesem Buch setzt sich MacDonald mit großen Fragen wie Leid
und Tod auseinander.
MacDonald lässt diese
Geschichte im viktorianischen Alltag beginnen. Ein kleines Häuschen,
in dem eine kleine Familie wohnt. Ein kleiner Junge namens Diamond und
seine Eltern. Der Vater ist Kutscher bei Mr Coleman, der reich ist und
nebenan mit seiner Familie in einem großen Haus wohnt. Diamond
schläft in einem kleinen Verschlag über dem Stall, in dem
Mr Colemans Pferd untergebracht ist, das ebenfalls Diamond heißt.
Dieser Raum ist nur durch eine leichte Bretterwand vom Nordwind getrennt.
Eines Nachts hört Diamond
eine Stimme. Es ist der Nordwind, der Diamond auffordert, ein von der
Mutter verstopftes Loch in der Bretterwand wieder zu öffnen. Diamond
folgt dieser Bitte. Nordwind kommt herein. Er ist ein zunächst
nicht zu erkennendes Wesen, das sich später als schöne Frau
zeigt. Sie nimmt Diamond mit nach draußen. So lernt dieser die
Welt in der Nacht kennen. Es folgen einige gemeinsame Reisen mit ihr
durch die Nacht. In ihrer Gegenwart ist Diamond sicher und geborgen,
auch wenn um ihn herum noch so sehr der Sturm tobt.. Doch manch anderem
zeigt sie sich anders. So zeigt sie sich einem bösen Kindermädchen
als Wolf, so dass diese vor lauter Angst schreit und ihre Stelle verliert.
Dieses Handeln von Nordwind kann Diamond noch gut verstehen. Aber es
folgt unverständlicheres. Nordwind muss in einem schweren Sturm
eine Schiff versenken. Zu dieser Aufgabe nimmt sie Diamond aber nicht
mit, sondern setzt ihn für diese Zeit in einer Kathedrale ab, wo
Diamond die Zeit in Sicherheit verbringt und solange schläft, bis
Nordwind ihn wieder mitnimmt und schlafend daheim absetzt.
Diamond wird zu einer Tante
nach Sandwich geschickt, einer kleinen alten Stadt ganz im äußersten
Südosten, fast an der Küste. Dort geschieht Neues. Nordwind
findet eine Gelegenheit, ihn in das Land hinter dem Nordwind zu bringen.
Der Weg ist nicht einfach, weil Nordwind ja nicht in den Norden wehen
kann, sondern von dort kommt. Der Weg führt über zwei Schiffe,
die gegen den Wind segeln, immer weiter nach Norden, und geht zuletzt
sogar zu Fuß weiter, bis Diamond endlich durch die leblos wirkende
Nordwind hindurch in dieses Land schreiten kann. Dort verbringt er nach
seinem eigenen Erleben viel Zeit. Es ist eine Ort der Stille. Ein Ort
der Hoffnung darauf, dass alles gut wird. Er hat Ähnlichkeiten
mit dem Himmel, aber wie sich später zeigen wird, ist dieser Ort
nur ein Bild davon. Schließlich geht es wieder zurück, denn
Diamond will zurück zu seiner Mutter. Er macht sich gemeinsam mit
Nordwind auf den Weg und erreicht wieder Sandwich, wo seine Mutter schon
verzweifelt auf ihn wartet; denn nach der Sicht seiner Umgebung rang
er dort acht Tage lang krank mit dem Tod.
Inzwischen ist noch mehr
geschehen. Die längst vergangene Nacht mit Nordwind zeigt ihre
Folgen. Das versenkte Schiff gehörte Mr Coleman, dem Arbeitgeber
von Diamonds Vater. Mr Coleman ist nun ruiniert, er hat zu viel spekuliert
und nun alles verloren. Später werden wir erfahren, dass dieser
Ruin zu dessen Rettung beigetragen hat, weil er in Gefahr war, durch
seine Spekulationen zu einem unehrlichen Menschen zu werden, wodurch
sich Nordwinds Handeln schließlich in ganz anderem Licht zeigt,
aber das ändert nichts an der augenblicklichen Misere. Diamonds
Vater verliert seine Arbeit. In London trifft er einen alten Bekannten,
der ihm die Gelegenheit gibt, sich dort als selbständiger Droschkenfahrer
niederzulassen. Dieser Bekannte handelt mit Pferden, und verkauft ihm
zu einem guten Preis eben das Kutschpferd von Mr Coleman, Diamond, das
im Stall unter Diamonds Raum untergebracht war. Sobald Diamond stark
genug für die Reise ist, geht es für alle nach London.
Diamond hat sich durch den
Aufenthalt in dem Land hinter dem Nordwind gewandelt. Er bemüht
sich, den anderen Menschen zu helfen. Sei es daheim, wo er seiner Mutter
hilft, die gerade wieder ein Kind geboren hat. Er hilft der Familie
des trunksüchtigen Droschkenfahrers nebenan. Er hilft Nanny, einem
Waisenkind, das von ihrer trunksüchtigen und gewalttätigen
Großmutter aufgezogen wird. Diamond lernt sogar, selbst die Droschke
zu fahren, und kann so die Familie versorgen, während sein Vater
krank ist. Nordwind taucht in dieser Zeit nicht auf. Dafür lernt
Diamond Mr Raymont kennen. Einen Schriftsteller, der sich um Kinder
kümmert und ein Krankenhaus für Kinder unterstützt. Dorthin
lässt Mr Raymont auch Nanny bringen, als sie von Diamond schwer
krank aufgefunden wird. Hier wird eine Geschichte in der Geschichte
erzählt: Das Märchen von der Prinzessin Little Daylight. Eine
verzauberte Prinzessin, die nur in der Nacht wach ist, und die mit dem
abnehmenden Mond altert und mit dem zunehmenden an Kraft gewinnt, bis
sie schließlich von einem Prinzen gerettet wird. Wenig später
folgen noch zwei weitere eingebettete Geschichten: Ein Traum Diamonds,
der die Sterne kennen lernt; Ein Traum Nannys, die den Mond besucht,
wo sie auf eine geheimnisvolle Frau trifft, die ihr anbietet, in dem
wunderbaren Haus dort zu bleiben. Doch leider gibt es eine Prüfung,
die Nanny nicht besteht, weil sie unzuverlässig ist. So muss sie
zurück.
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Es kommt bald
eine weitere Prüfung - diesmal für Diamonds Vater. Mr Raymont
muss für einige Zeit das Land verlassen und überlässt ihm
für diese Zeit sein Pferd. Es darf jeden Tag nur für sechs Stunden
zur Arbeit herangezogen werden, außerdem muss Diamonds Familie auch
Nanny vorerst bei sich aufnehmen. Mit diesen Bedingungen deckt das Pferd
gerade die Unkosten. Diamonds Vater muss von seiner Frau daran erinnert
werden, dass dennoch jemand einen sehr großen Nutzen von dieser
Vereinbarung hat, nämlich Nanny. Also stimmt er zu. Doch die Prüfung
wird schwerer als von Mr Raymont eigentlich gedacht: Das Pferd lahmt nach
eigenem Fehltritt, frisst und wird fett, aber bringt keine Leistung. Nur
mit Mühe lässt sich die Zeit überstehen, bis Mr Raymont
nach vielen Monaten zurückkehrt.
Nun bittet Mr Raymont, inzwischen
frisch verheiratet, den Vater von Diamond, sein Kutscher zu werden. Dieser
nimmt an, und die Familie, einschließlich Nanny, zieht auf das Land.
Statt im Kutscherhaus schläft Diamond im obersten Stockwerk von Mr
Raymonts Haus. An diesem Ort trifft er immer wieder Nordwind, der er hier
besonders nahe ist. Nanny begegnet Diamond immer wieder mit Spott. Sie
bezeichnet ihn als "God's child", was im damaligen Sprachgebrauch
einen geistig zurückgebliebenen Menschen meinte. MacDonald legt aber
wohl gleichzeitig dem Leser damit auch die Möglichkeit nahe, bei
Diamond "God's child" wörtlich zu verstehen: ein "Kind
Gottes". In Gesprächen mit Nordwind erfährt Diamond, dass
er das wahre Land hinter dem Nordwind erst noch sehen wird. An diesem
Punkt nimmt die bis dahin verborgene Person des Erzählers selbst
Gestalt an, denn er ist in die Geschichte Diamonds verwoben: Bei einem
Besuch bei Mr Raymont lernt er Diamond kennen. Doch es bleibt bei einem
kurzen Besuch. Einige Tage später kommt er wieder. Diesmal ist das
Haus ein Haus der Trauer. Diamond liegt aufgebahrt im Bett, mit alabasterweißer
Haut. Es folgen die letzten beiden Sätze des Buches: "Sie dachten,
er wäre tot. Ich wusste, dass er hinter den Nordwind gegangen war."
(They thought he was dead. I knew that he had gone to the back of the
north wind.")
At the Back of the North
Wind ist ein sehr tief gehendes Buch. Ein bedeutendes Thema ist das
Leid, das in der Person von Nordwind geradezu personifiziert wird. Bei
der Deutung dieser Gestalt darf man nicht vergessen, dass MacDonald selbst
sein Leben lang an seiner schwachen Lunge litt und den Nordwind besonders
fürchten musste. Außerdem kannte er selbst den Zustand lebensgefährlicher
Krankheit aus eigener Erfahrung. Nordwind versenkt ein Schiff, und es
entsteht Gutes daraus. Diamond erkrankt und hält sich doch das erste
Mal Hinter dem Nordwind auf, wo er eine ihn zum Guten verwandelnde Erfahrung
mitmacht. Und doch wird das Leid nicht als etwas Erstrebenswertes herbeigewünscht.
Diamond tut immer sein Bestes, gegen das Leid. Er hilft seiner ganzen
Umgebung, ganz gleich ob er etwas dafür zurückerhält oder
nicht. Er hilft.
Ein zweites Thema ist das Leid
in seiner vielleicht schlimmsten Form, nämlich der Tod. Nordwind
sagt Diamond einmal, dass die Menschen neben "Ruin" und "Leid"
sie mit einem noch schlimmeren Namen benennen. Bei diesem Namen, so darf
man vermuten, handelt es sich wohl um "Tod". Dieser wird in
At the Back of the North Wind seines Schreckens beraubt. Er ist
der Weg in noch tieferes Leben. Hier könnte man anfragen, ob MacDonald
nicht den Tod verharmlost. Ja, ob er ihn nicht zum eigentlichen Erlöser
des Menschen macht. Aber in meinen Augen setzt hier MacDonald nur einen
Gegenakzent zur Verzweiflung angesichts von Leid und Tod. Sein übriges
Werk zeigt Christus als den Erlöser und nicht den Tod, aber letzterer
verliert eben durch Christus seinen Stachel und wird sogar in das Rettungswerk
mit einbezogen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Nordwind eine sehr
vieldeutige Gestalt ist: Leid, Tod, göttliche Vorsehung, Beschützerin,
Trösterin.
Ein unangenehmes, aber leider
ernst zu nehmendes Motiv scheint mir Diamonds Schicksal unter seinen Mitmenschen
zu sein. Er wird von manchen verspottet. Er wird gerade deshalb nicht
ernst genommen, weil er gut ist, weil er so ist, wie er sein sollte. Der
Gerechte ist nicht in der Welt daheim, weil die Welt darauf nicht vorbereitet
ist. Kein schöner Gedanke, aber dem wahren Gerechten ging es genauso.
Aber so zutreffend dieser Aspekt auch sein mag, er ist nicht der, der
vor allem in Erinnerung bleiben wird. Zurückbleiben vom Lesen wird
eher folgende Grundbotschaft: Bei allem Leid, voll Hoffnung darauf, das
alles gut werden wird, den anderen zu helfen. Der Weg geht durch das Leid
ins Leben.
Thomas Gerold
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Thomas
Gerold hat mehrfach zu George MacDonald publiziert (Publikationen).
Seine Studie "Die Gotteskindschaft des Menschen. Die theologische
Anthropologie bei George MacDonald" kann beim Verlag unter
folgender www-Adresse bestellt werden:
http://www.lit-verlag/isbn/3-8258-9853-9
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