Dante
Alighieri
Der Schöpfer
der Göttlichen Komödie
Das Jahr 1265
gehört zu den bedeutendsten Daten der europäischen Kulturgeschichte;
denn in diesem Jahr wurde einer der größten Dichter Europas,
nämlich Dante Alighieri in Florenz geboren. Die Stadt war bereits
groß und erfolgreich. Ihr wachsender Wohlstand stammte von ihren
Banken und Textilunternehmen, ihr wachsender Ruhm von ihrer Kunst,
Architektur und Gelehrsamkeit. Aber Florenz war auch, wie so viele
Stadtstaaten des mittelalterlichen Italiens, ein Ort, der vom gewalttätigen
mörderischen Streit zwischen den um die Macht ringenden ehrgeizigen
Familiengruppierungen zerrissen wurde. Wir wissen wenig Sicheres über
das frühe Leben Dantes, außer dass er in einer alten Florentinischen
Familie aufwuchs. Vielleicht erhielt er seine Ausbildung aus den Händen
der Franziskaner und Dominikaner, den beiden damals relativ neuen,
aber dominierenden Lehrorden. Er selbst sollte einmal tief in die
Stadtpolitik eintauchen, aber lange bevor er ins öffentliche
Leben trat und lange bevor er irgend etwas von seiner Dichtung schrieb,
geschah etwas, das für seine ganze Existenz von zentraler Bedeutung
sein sollte. Das Jahr 1274 nahezu genauso wichtig wie Dantes Geburtsdatum;
denn in diesem Jahr, im Alter von neun Jahren, traf er ein Mädchen
und verliebte sich in diese. Sie war nur ein wenig jünger als
er selbst und wir kennen sie als Beatrice. Die beiden trafen sich
nach dieser frühen Begegnung nur zwei- oder vielleicht dreimal
und niemand weiß, was das Mädchen Beatrice Portinari über
den leidenschaftlichen jungen Mann Dante Alighieri dachte. Beatrice
selbst heiratete und starb noch vor ihrem 25. Geburtstag; dennoch
wurde sie zur Quelle der Inspiration seines größten poetischen
Werks: Der Divina Commedia, einem Werk, das allgemein als literarisches
Meisterwerk angesehen wird. Es ist nicht nur ein Werk, auf das sich
spätere Generationen von Schriftstellern mit einer Bewunderung
beziehen, die Ehrfurcht gleichkommt, sondern es ist ein Werk, das
geholfen hat, das Denken und die Vorstellung der ganzen westeuropäischen
Zivilisation zu formen.
Als junger
Mann wurde Dante Mitglied einer Gruppe von Dichtern, die damit begannen,
mit dem Stil und Vokabular der traditionellen Formen sowohl der religiösen
als auch der Liebesdichtung zu brechen und das zu formen, was als
der dolce stil nuovo, als der "Süße Neue Stil"
bekannt wurde. Und 1292, vier Jahre nach dem Tod von Beatrice, schrieb
Dante das Buch, das der Welt die Ankunft eines großen neuen
Talents verkünden sollte, die Vita Nuova. Ein Werk, das
aus seiner Liebe für Beatrice entspringt und die Geschichte der
ursprünglichen Begegnung und des anschließenden Verlustes
seiner Geliebten erzählt. Es finden sich immer noch Anklänge
an den Stil höfischer Liebesdichtung, aber es schildert den Zusammenhang
zwischen der leidenschaftlichen menschlichen Liebe und der Ehre der
göttlichen Liebe in bemerkenswerter, ja skandalöser Ausführlichkeit.
Es besteht aus 31 Gedichten mit eingestreuten Prosakommentaren. Die
Art der Präsentation ist für moderne Ohren formal, sehr
ausgefeilt und verschwenderisch. Mit anderen Worten: Es ist nicht
die Art von Liebesdichtung, an die wir uns gewöhnt haben. Nichtsdestotrotz
gibt es ein lebendiges Bild eines dichterischen Talents verbunden
mit einem tiefen und durchdringenden Geist wieder. Es ist revolutionär:
Viele der Liebesdichter dieser Zeit sprechen ihre Geliebte mit Ausdrücken
übertriebenen Lobes an. Sie sprechen von ihnen als Gesandten
des Himmels. Dante geht noch weiter. Beatrice wird als eine Frau gesehen,
die durch ihre Person etwas von der Glorie Gottes mitteilt, die durch
sie in den Straßen von Florenz erscheint, und am Ende zieht
sie Dante hinauf in den Himmel. Beatrice stirbt und ist für Dante
verloren, aber obwohl sie für den Dichter in den Straßen
von Florenz verloren ist, wird sie zu ihm in seiner visionären
Vorstellung zurückkehren, als er zehn Jahre später mit der
Göttlichen Komödie beginnt und sie beim Erreichen
des Paradieses wiedertrifft.
Aber bevor
er mit der Arbeit an dem Gedicht begann, das seine Unsterblichkeit
als Künstler begründen sollte, war Dante zwischen den Jahren
1292 und 1302 in die zänkische Politik seiner Heimatstadt verwickelt.
Am Ende des Jahrhunderts war er einer der sechs Prioren, hochrangiger
Beamter, die mit der Podesta die Stadt regierten. Aber als das 13.
in das 14. Jahrhundert überging, wurde Florenz erneut durch inneren
Streit auseinander gerissen. Der Streit entstand dieses Mal aus der
Rivalität zwischen zwei großen Fraktionen der Guelphen
- Dante war auf der Verliererseite. Während er auf einer diplomatischen
Mission 1301 beim Papst war, kamen seine Feinde an die Macht und sprachen
im folgenden Jahr das Urteil der Verbannung über ihn aus. Er
sah seine geliebte Stadt nie wieder und so war es im Exil, in dem
er seine großen Werke verfasste. Es ist wenig über seine
frühen Jahre im Exil bekannt. Für einen großen Teil
dieser Zeit wurde ihm am Hof des Herrschers der Stadt Verona, Can
Grande della Scala, Obdach gewährt. Dort traf er wieder mit seinen
Söhnen zusammen. Aber 1318 finden wir ihn am Hof von Guido Novella
da Polenta, dem Herrscher der Stadt Ravenna. Er starb 1321 in Ravenna
und ist in dieser Stadt auch begraben. In diesen Jahren des bitteren
Exils flossen die Werke nur so aus seiner Feder - viele von ihnen
unvollendet, entweder weil die Manuskripte verlorengegangen sind oder
weil er sie selbst nicht vollendete. 1303 begann er sein Werk De
Eloquentia, ein Traktat auf Latein, das sowohl eine Abhandlung
über die Natur der Sprache als auch eine Verteidigung der Verwendung
der Volkssprache ist. 1304 wurde auf Italienisch Il Convivio
begonnen, ein beachtliches philosophisches Werk. Es ist im wesentlichen
ein Kommentar zu drei philosophischen Gedichten, die früher von
ihm verfasst wurden. Es hat den Zweck, dem normalen Leser einige der
Streitfragen zugänglich zu machen, die die Geister der professionellen
Philosophen in den großen Schulen beschäftigten. In diesem
Werk erscheinen Themen, die in der Komödie wiederaufgenommen
werden. Die Konturen von Dantes Philosophie und Theologie sind schon
deutlich sichtbar. Große Aufmerksamkeit wird auf die Beziehung
zwischen Glaube und Vernunft gerichtet und es ist bemerkenswert, dass
Dante der Fähigkeit der Vernunft großen Wert zumisst, auf
der Ebene der Natur die Möglichkeiten des Menschen zu begreifen.
Für Dante wie für Thomas von Aquin bereiten Verstand und
Intelligenz den Grund für Glaube und Offenbarung. Das ist an
sich nicht bemerkenswert. Was jedoch für den modernen Leser bemerkenswert
erscheint, ist die Bedeutung, die der Liebe zukommt. Diese Liebe,
wie wir in der Komödie sehen werden, ist kein bloßes
Gefühl, sondern sie agiert als das fundamentale Gesetz des Universums.
Das Universum wird in der Tat von der Liebe regiert. Hier umreißt
Dante seine Kosmologie, seine Theorie von der Ordnung und den Bewegungen
der Sterne und Planeten im Universum, die den Kontext der Erzählung
der Komödie darstellen wird. Zwischen 1312 und 1313 erschien
sein Werk über politische Philosophie mit dem Titel De Monarchia
(auf Latein). Hier ist Dante wieder revolutionär; denn er schlägt
eine radikale Trennung zwischen weltlicher und geistlicher Macht vor.
Die Autorität des Staates existiert, damit jede Person die eigene
"Freiheit und Macht" auf der Ebene der natürlichen
Existenz erreichen kann und um den Weg für die Gnade des geistlichen
Lebens vorzubereiten. Die Autorität der Kirche existiert dagegen,
um jedes menschliche Wesen zur Freude der seligen Gottesschau zu bringen.
Der Staat steht unter der Herrschaft des Kaisers, die Kirche unter
der Herrschaft des Papstes. Keiner darf in die Sphäre des anderen
eindringen. Die Zeit zwischen 1302 und seinem Tod im Jahre 1321 schrieb
er etwas, was wie die Werke von William Shakespeare und wie Johann
Wolfgang von Goethes Faust eines der unangefochtenen Meisterwerke
der Westeuropäischen Literatur werden sollte, die Divina Commedia.
Die Komödie
ist eines der am sorgfältigsten ausgearbeiteten und am akribischsten
durchgeplanten aller großer literarischer Werke überhaupt.
Die Zahl drei, die Zahl der Personen der Heiligen Trinität dominiert
symbolisch. Das Gedicht ist in drei Teile unterteilt: Inferno,
Purgatorio und Paradiso. Nach einem einführenden
Gesang im Inferno besteht jeder Teil aus 33 Gesängen.
Seine Versform ist der terza rima: ein Dreizeiler. Dante nennt
es aus dem einfachen Grund eine "Komödie", weil es
mit Trauer beginnt und mit Glück endet. Es ist weder im aufwendigen
Stil höfischer Liebesdichtung noch im erhabenen Stil der philosophischen
Verse geschrieben, sondern im sich schnell verändernden Stil
des gesprochenen Florentinischen Italienisch. Es ist die Geschichte
von der visionären Reise des Dichters von der Dunkelheit ins
Licht, von der Erde in den Himmel, von der Hölle in den Himmel.
Es ist eine große christliche Allegorie von der Reise der Seele,
die vom Chaos und den Wirren der Welt zum Angesicht Gottes hinaufgezogen
wird. Es ist zutiefst christlich in seiner Empfindsamkeit und zutiefst
katholisch in seiner Theologie. Aber am erstaunlichsten ist es in
der Darstellung der menschlichen Liebe und der Bedeutung, der ihr
in der menschlichen Erlösung gegeben wird. Im Herzen dieses Gedichts
steckt Dantes Liebe zu Beatrice und die erlösende Macht dieser
Liebe. Darin transformiert Dante die Liebesdichtung, die er geerbt
hat. Gegen die alte Tradition ist Liebe nicht nur eine hoffnungslose
Leidenschaft oder ein berauschender Wahnsinn, sondern zu ihr gehören
auch Intelligenz und Gehorsam. Gegen die moderne Romantische Tradition
ist die Liebe nicht ein Zweck für sich, sondern sie weist von
sich zu ihrem göttlichen Ursprung. Das ist genau die Funktion,
die Beatrice im theologischen Schema des Gedichts erfüllt. Sie
existiert gleichermaßen als sie selbst, als das Mädchen,
in das sich Dante verliebte, wie auch als Zeichen und Vehikel der
Liebe Gottes.
Durch die
ganze Reise hindurch wird Dante geführt: zuerst vom "Schatten"
des von ihm am meisten bewunderten Dichters, Vergil, dem Dichter des
Römischen Reiches schlechthin, dann durch Beatrice, und zuletzt
durch den Heiligen Bernhard von Clairvaux. Vergil kommt auf Geheiß
von Beatrice, um ihn zunächst zur Hölle und dann durch die
Dunkelheit und den Schrecken der Kreise der Verdammten zum Ort der
Erlösung zu führen. Vergil ist wie Beatrice sowohl Dantes
poetischer Meister des ersten Jahrhunderts als auch die allegorische
Verkörperung der Vernunft. Die "Geographie" des Inferno
ist zwar von Virgils Beschreibung der Unterwelt in dessen Aeneis beeinflusst,
aber dennoch Dantes eigene Schöpfung. Nachdem sie den Limbo der
tugendhaften Heiden durchquert haben, betreten die beiden Reisenden
die eigentlichen höllischen Regionen und steigen durch die Kreise
der Verdammten hinab: Zuerst durch die, in denen die Sünden der
Unkeuschheit und Unmäßigkeit bestraft werden, dann durch
des falschen Glaubens, dann der Bosheit, der Gewalttätigkeit
und zuletzt des Verrats. Dantes charakteristisches rhetorisches Mittel
ist im Inferno der contrapasso: Überall wird eine
passende Strafe für die jeweilige Sünde ausgeführt,
die gerade thematisiert wird. Das Ergebnis ist ein erstaunlich lebendiges
und oft erschreckendes Portrait von Sünde und Verdammnis. Während
der Reise spricht Dante zu den Bewohnern dieser schrecklichen Plätze,
um ihre Geschichte kennen zu lernen und seine Theologie auszudrücken.
Es muss hervorgehoben werden, dass niemand durch die Willkür
einer rachsüchtigen Gottheit in diese Regionen verdammt wurde;
jeder Sünder ist dort aufgrund einer freien Entscheidung, das
Gute abzulehnen und das Böse zu wählen. Dantes theologische
Vorstellung vom Jenseits basiert auf einer Lehre vom radikalen freien
Willen, dem Glauben, dass jeder Mensch in der Lage ist, frei zwischen
gut und böse zu wählen. Ganz unten im Inferno sind
die Verräter in einem Meer aus Eis gefangen. Ein Meer, in dem
auch Satan gefangen ist. Die Gestalt Satans ist von besonderem Interesse;
denn sein Portrait als einem, der hilflos mit seinen Flügeln
in die Luft schlägt, betont Dantes Überzeugung, dass Menschen
selbst ihre Verdammnis bewirken und für sie verantwortlich sind.
Die Schuld für die Bosheit kann nicht von den individuellen Menschen
auf eine übernatürliche böswillige Macht verlagert
werden. Dante und Vergil verlassen dieses Land des Schreckens und
der Verdammnis und betreten daraufhin das Land der Erlösten:
das Purgatorio.
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Es ist zwar wahr, dass das
Purgatorium immer noch ein Ort des Leidens ist, aber es ist auch eine
Region der Liebe und der Freude. In der klassischen katholischen Theologie
ist es der "Ort" oder der "Prozess" der Reinigung,
in dem die Seelen der Erlösten schon auf ihrer Reise zu Gott sind.
Die Dunkelheit, die Kälte, die Ängste, die Verzweiflung und
der Schrecken der Hölle sind vorbei. Dante und Vergil betreten das
Ufer eines hohen Berges, der aus einem ruhigen Meer emporragt, das in
das Licht des frühen Morgens eingetaucht ist. Auf den sieben Terrassen
des Berges befinden sich die Seelen derer, die voll Freude ihre Reinigung
auf sich nehmen während sie zu ihrer Vereinigung mit Gott voranschreiten.
Hier im Purgatorio verwendet Dante ein konventionelleres Schema:
die sieben Todsünden. Auf jeder der Terrassen des Berges findet die
Reinigung von einer der Sünden statt. Die Schlimmste findet sich
unten, die am wenigsten Schlimmste oben. So gibt es: Stolz, Neid, Zorn,
Faulheit, Geiz, Gier und Lust. Das Arrangement dieser Sünden ist
ein bedeutender Teil von Dantes Theologie. Wie im Inferno unterhält
sich Dante mit denen, die von ihren Sünden gereinigt werden. Er lernt
ihre jeweilige Geschichte kennen und diskutiert theologische und philosophische
Probleme. Hier hören wir ausgeklügelte Diskussionen über
die Natur des freien Willens, der Seele und der Liebe. Während Rohheit
und Gewalt die Kennzeichen des Infernos waren, ist Höflichkeit
die Regel auf diese, heiligen Berg. Zwischen der erwartenden Kirche und
der triumphierenden Kirche gibt es einen dauernden Austausch im Gebet.
Himmel und Hölle sind Orte oder Zustände der Beständigkeit;
das Purgatorium ist ein Ort oder ein Zustand der Veränderung und
der Bewegung. Auch hier wird das dichterische Instrument des contrapasso
eingesetzt, um folgendes aus zu sagen: Von jeder Sünde wird durch
eine angemessene Strafe gereinigt.
Als Dante und sein Gefährte
die letzte Terrasse erreichen, in der von der Sünde der Lust gereinigt
wird, werden sie mit einer Feuerwand konfrontiert. Durch diese müssen
sie gehen, um zu dem "irdischen Paradies" dahinter zu gelangen.
In einer bewegenden Szene kann Vergil nur dadurch den verängstigten
Dante überzeugen, das reinigende Feuer zu durchschreiten, indem Vergil
den Namen von dessen geliebter Beatrice anruft. Als Dante die andere Seite
erreicht, spricht Vergil seine letzten Worte zu ihm, den er mit solcher
Sorgfalt geführt hat. "Erwarte nicht länger ein Wort oder
ein Zeichen von mir. Frei, aufrecht und ganz ist dein Wille, und es wäre
falsch, nicht nach dessen Belieben zu handeln. Deshalb setze ich dir die
Krone und die Mitra auf." (Canto XXVII, II 139-142) Mit diesen Worten
verschwindet er. In diesem Land des sanftfließenden Wassers, der
blühenden Blumen und des grünen Grases sieht Dante eine sich
nahende Prozession. Sie kündigt die Ankunft von Beatrice an. Diese
letzten Gesänge des Purgatorio enthalten einiges von Dantes
am besten durchdachter allegorischer Dichtung. Mitten im Glanz des Festzugs
erscheint Beatrice selbst und als sie Dante begrüßt, äußert
sie einige der einprägsamsten Worte der ganzen Komödie:
"Schau gut auf mich. Ich bin es tatsächlich, ich bin tatsächlich
Beatrice! Wie konntest du ruhen, diesen Berg zu erklimmen? Wusstest du
nicht, dass hier der Mensch glücklich ist?" (Canto XXX, II,
73-75) Sie wird nun zu seiner Führerin. Gemeinsam steigen sie hinauf
ins Paradies.
Dantes Paradies besteht aus
neun Himmel. Das ist ein kosmisches Schema, das er aus den kosmischen
Theorien des Ptolemäus übernommen hat, dem ägyptischen
Astronomen des zweiten Jahrhunderts. Dessen Einfluss war weit verbreitet
und seine Erklärungen wurden im Mittelalter von vielen verwendet.
Sie wurden erst Jahrhunderte später vom heliozentrischen Weltbild
des Kopernikus und des Galilei abgelöst. Ohne Zweifel glaubte Dante
daran, dass dies die Ordnung des Universums war; noch wichtiger ist jedoch
der poetische Zweck, zu dem er dieses Schema einsetzt. Sieben Planeten
umkreisen die Erde: Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter und Saturn.
Dahinter ist zunächst die Region der Fixsterne, dahinter der Lichthimmel.
Licht (das vorherrschende dichterische Bild) durchflutet das Universum:
Es ist das Symbol der Wahrheit und der Liebe. So ist die Reise zu Gott
nicht eine Bewegung ins Vergessen oder in die Dunkelheit, sondern eine
Reise in immer größere Klarheit, Erkenntnis und Verstehen,
in eine transformierte und gereinigte Erkenntnis des eigenen Selbst, der
Kirche und Gottes. Wie das Inferno und das Purgatorio wird
auch das Paradiso angemessen bewohnt. Liebende sind im Himmel der
Venus zu Hause, die Weisen im Himmel der Sonne (hier wohnen die großen
Lehrer der Kirche einschließlich Thomas von Aquins und Bonaventuras),
die Gerechten im Jupiter, die Mystiker im Saturn. Alles wird von Gottes
Liebe an seinem Platz gehalten. Diese strömt in die ganze Schöpfung
hinaus. In diesem komplexen Kosmos wird die Bewegung eines jeden Planeten
durch die brennende Intelligenz eines Engels geführt. Für Thomas
von Aquin sind die Engel, die Gott kennen und durch die Liebe zu ihm bewegt
werden, die lenkenden Geister des Universums. Die unaufhörliche Kreisbewegung
ist das Bild der perfekten Unveränderlichkeit Gottes.
Während Dante und Beatrice
durch die herrlichen Sphären hinaufsteigen, wird die Aufmerksamkeit
immer wieder auf die Schönheit von Beatrice gelenkt. Sie, die einst
ein kleines Mädchen auf den Straßen von Florenz war, ist jetzt
des Dichters bestimmende und strahlende Führerin. Eine Führerin,
die ihn mit Worten außerordentlicher Zärtlichkeit zurechtweisen
muss, über ihre eigene Schönheit hinaus auf die Quelle ihrer
Lieblichkeit zu schauen, nämlich auf die Schönheit Gottes. Im
letzten Himmel kommen Dante und Beatrice in der Sphäre des Saturn
an, dem Himmel der Kontemplativen. Hier werden wir an Thomas von Aquins
Argument erinnert, dass das höchste Ziel aller Menschen, der Höhepunkt
ihrer Suche. die Vollendung ihres Glücks und ihrer Rettung in der
Betrachtung Gottes liegt. Aber Dante geht weiter als Thomas, indem er
in die Vorstellung von der intellektuellen Betrachtung die Liebe - der
Schönheit und Güte wie auch der Wahrheit - miteinschließt.
Doch nicht einmal Beatrice
kann Dante in die Gegenwart der Heiligen Dreifaltigkeit führen. Im
vorletzten Gesang verlässt sie seine Seite, um zu ihrem Platz in
den Reihen der Gemeinschaft der Heiligen zurückzukehren. Ihr Platz
wird vom letzten der Führer des Dichters eingenommen: Vom Heiligen
Bernhard, dem Symbol der affektiven und kontemplativen Liebe. In Bernhards
Mund legt Dante die große Lobeshymne auf die Selige Jungfrau Maria,
die folgendermaßen beginnt: "Jungfrau, Mutter, Tochter deines
Sohns, demütig und erhöhter als jedes andere Geschöpf,
festes Ziel des ewigen Ratschlusses." (Canto XXXIII), II 1-2) Als
Dante die Selige Schau selbst erreicht, verstummt er vor Bewunderung und
sagt uns dann doch, dass bloße Worte die Herrlichkeit, die er sieht,
nicht ausdrücken können. Er beendet sein Gedicht mit einer Anrufung
der Liebe, die seine menschliche Liebe mit der des ewigen Gottes verbindet.
"Hier fehlt es der hohen Phantasie an Kraft, aber schon wurden meine
Sehnsucht und mein Wille bewegt, wie ein Rad, das gleichmäßig
gedreht wird, von der Liebe, welche die Sonne und die anderen Sterne bewegt."
(Canto XXXIII, II 142-145) Was in der Stadt Florenz 1274 damit begann,
dass sich ein junger Knabe in ein junges Mädchen verliebte, endet
im Paradies mit der Liebe zu Gott. Wille und Intelligenz sind mit der
Liebe vereint: Theologisch und poetisch ist das Abenteuer des leidenschaftlichen
Verstandes erfüllt.
Wir können nicht behaupten,
dass die Divina Comedia im 21. Jahrhundert leicht lesbar sei. Dieses
Werk ist zutiefst in seiner eigenen Zeit verwurzelt, dem spätmittelalterlichen
Italien. Diese tiefe Verwurzelung ist Teil seiner Großartigkeit:
Das ganze Leben dieser Ära scheint in den Zeilen dieser Verse zu
pulsieren. Die Anblicke und Klänge, die Straßen und Häuser,
die Konflikte und Auseinandersetzungen, die Überzeugungen und Leidenschaften
einer ganzen Gesellschaft zu einem bestimmten Moment ihrer Geschichte
werden mit unvergleichlicher Lebendigkeit mitgeteilt. Jeder, der ein genaues
Bild einer Kultur gewinnen, ihr Innenleben verstehen und das eigentliche
Zeitmaß ihres Lebens verstehen will, findet das in diesem Text,
der zugleich die tiefsten Fragen des menschlichen Herzens anspricht. Aber,
weil er eben so tief in seiner eigenen Zeit verwurzelt ist, ist er voller
Bezüge nicht nur zur griechischen und römischen Antike, sondern
auch zu Ereignissen und Personen, Bräuchen und Kontroversen, die
entweder schon vor langer Zeit verschwunden sind oder von denen wir heute
nur noch eine sehr geringe Kenntnis haben. Doch trotz aller Verständnis-
und Interpretationsschwierigkeiten strahlt der Genius Dantes über
die Jahrhunderte hinweg mit seiner intellektuellen und imaginativen Kraft,
der es gelingt, die Herzen der Leser aller Zeiten zu beschäftigen,
zu erleuchten und zu fesseln.
Brian Horne
| Dr. Brian
Horne war bis zu seiner Pensionierung Lecturer für Systematische
Theologie am King's College London. Zu seinen Publikationen gehören
A World to gain. Incarnation and the Hope for Renewal (1983)
und Imagining Evil (1996) |
(Übersetzt von Thomas
Gerold)
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