Das
Wunder von Narnia - The Magician's
Nephew
Das Staunen
über die Schöpfung
The Magician's Nephew, bzw.
in der deutschen Übersetzung Das Wunder von Narnia, ist je nach
Zählweise entweder der erste oder der vorletzte Band der Chronicles
of Narnia. Das liegt daran, dass er zwar als vorletzter erschienen ist,
aber von der inneren chronologischen Reihenfolge her der erste Band
ist.
The Magician's Nephew spielt
in der spätviktorianischen Zeit. Den jungen Digory, der uns später
in The Lion, the Witch and the Wardrobe als alter Professor begegnet,
hat es nach London verschlagen, wo er mit seiner kranken Mutter bei
seiner Tante lebt. Sie wohnt zusammen mit ihrem Bruder Andrew, also
Digorys Onkel, in einem Haus. Dieser Onkel ist eine seltsame, unheimliche
Gestalt, und hat durch seinen verschwenderischen Lebensstil seiner Schwester
schon viel Kummer bereitet. Digorys eigentliches Problem ist aber der
Zustand seiner Mutter, die an Krebs leidet, und deren Tod absehbar ist.
Das erinnert an Lewis' eigene Kindheit, die ebenfalls von der Krebserkrankung
und vom frühen Tod seiner Mutter geprägt wurde. Digorys Vater
ist im fernen Indien.
Weinend trifft Digory Polly,
ein Mädchen aus der Nachbarschaft, mit dem er sich rasch anfreundet.
Sie spielen gemeinsam. Schließlich erforschen sie die Verbindungswege
zwischen den Häusern der Straße. Alle Reihenhäuser sind
unter dem Dach miteinander verbunden. Statt in ein leerstehendes Haus
gelangen sie jedoch in das geheimnisvolle Studierzimmer von Onkel Andrew.
Dieser betätigt sich - mit viel krimineller Energie und wenig Verstand
- als Schwarzmagier und experimentiert mit einem geheimnisvollen Stoff
aus einer anderen Welt. Er stellt Polly eine Falle und schickt sie mit
einem Ring in eine andere Welt, Digory muss hinterher, um ihr einen
Ring mit dem Rückkehrzauber bringen zu können. Damit muss
er sich auf die Rolle des Versuchskaninchens des bösen Zauberers
einlassen. Beide treffen sich an einem seltsamen Ort zwischen den Welten.
Dort gibt es viele Teiche, die als Tore zu unzähligen Welten benutzt
werden können.
Der neugierige Digory, es
ist kein Zufall, dass er später Professor werden sollte, möchte
vor der Rückkehr nach London gerne noch einen Blick auf wenigstens
eine der anderen Welten werfen. Er und Polly wagen es, bzw. er schafft
es, sie zu überreden, und gelangen in die Welt Charn. Die Sonne
dort ist rot. Nirgendwo ist Leben zu sehen. Sie finden sich in einer
verfallenen Stadt wieder. Sie schauen sich um und finden einen geheimnisvollen
Saal, mit lauter völlig lebensechten Statuen. In diesem Saal gibt
es eine magische goldene Glocke, die Digory aus Neugier läutet.
Da geschieht etwas Unerwartetes. Die fernste Statue erwacht. Es ist
die alte Herrscherin von Charn, Jadis, die einst, als sie in einem Machtkampf
zu unterliegen drohte, mit einem Zauber alles Leben ihrer Welt außer
ihr selbst vernichtete. Nach dieser schrecklichen Tat versetzte sie
sich in einen langen Schlaf, der nun von Digory beendet wurde.
Jadis will die Kinder benutzen,
um in deren Welt zu gelangen. Dies gelingt. Uncle Andrew ist über
diesen "Erfolg" seines Experiments nicht sonderlich erfreut.
Jadis versucht ihn zu benutzen, um die Welt zu unterwerfen. Allerdings
hat sie in der für sie neuen Umgebung nicht ihre bisherigen Zauberkräfte,
aber dennoch ist ihre übermenschliche Körperkraft schlimm
genug. Sie schleift Uncle Andrew den Tag über durch London. Nachdem
genug Chaos angerichtet wurde, bemühen sich Digory und Polly, Jadis
aus dieser Welt zu entfernen. Sie gebrauchen die Ringe, sie schaffen
es, die Hexe mitzunehmen, wobei versehentlich auch ein Londoner Kutscher,
dessen Pferd, Uncle Andrew und ein Stück eines Laternenpfahls mitgenommen
werden. Doch der Versuch, sie nach Charn zu bringen, misslingt, stattdessen
gelangen sie in die Dunkelheit einer noch nicht existierenden Welt.
Dort geschieht etwas Wunderbares.
Sie werden Zeugen der Geburt einer neuen Welt. Eine wunderbare Musik
ertönt, am Himmel erscheinen Sterne, es dämmert und wird hell,
und den Höhepunkt erreicht dieses Wunder, als der Sänger dieser
herrlichen Musik erscheint, der Löwe Aslan, der hier Narnia ins
Leben ruft. Die Kinder und der Kutscher sind froh über seine Gegenwart.
Uncle Andrew wünscht sich dagegen einen Großwildjäger
und fürchtet sich, Jadis schleudert das von ihr mitgenommene Stück
des Laternenpfahls auf Aslan, was diesen aber nicht einmal zusammenzucken
lässt. Es schlägt in dieser noch ganz von Aslans schöpferischen
Kraft durchdrungenen Welt Wurzeln und wird zur ganzen Laterne. Später
wird diese Laterne Lucy, Susan, Peter und Edmund in The Lion, the Witch,
and the Wardrobe wieder begegnen. Doch zuvor tut sich noch mehr: Aus
der Erde steigen die Tiere hervor. Aslan wählt von verschiedenen
Tierarten jeweils ein Paar aus und verleiht ihnen Sprache. Er erweckt
das Land zum Leben.
Digory will nun mit Aslan
sprechen. Er will ihn bitten, seiner todkranken Mutter zu helfen. Doch
Aslan ist gerade beschäftigt. Er holt die sprechenden Tiere zu
sich und berät sich mit ihnen. Er spricht davon, dass das Böse
schon Narnia erreicht hat, und er bittet Digory zu sich. Dieser soll
allen zu erklären, wie das geschehen konnte. Denn das Böse
ist Jadis, die Hexe, die durch Digorys Verhalten nach Narnia kam. Der
Junge muss dies allen bekennen.
Der Mensch hat das Böse
nach Narnia gebracht, er muss helfen, diese Wunde zu heilen. Aslan macht
zunächst den Kutscher Frank, der aus London mitgekommen ist, zum
König. Er holt auch dessen Frau nach, beide sind dazu bestimmt,
für immer in Narnia zu bleiben. Auch Digory muss sich beteiligen.
Er soll aus einem fernen Garten in den Bergen einen wunderbaren Apfel
holen. Damit er den Weg bewältigen kann, lässt Aslan einem
sprechenden Pferd Flügel wachsen. Polly kommt freiwillig mit. Beide
fliegen zwischen den Bergen hindurch. Nach einem Nachtlager erreichen
sie endlich den Garten, der auf einem Berg liegt.
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Der Garten ist von einer
Mauer umgeben. Beim ersten Blick wird klar, dass er nur von dem betreten
werden darf, der dazu beauftragt ist. Das ist Digory. Die Pforte öffnet
sich vor ihm. Er geht hinein und findet den Baum. Den Äpfeln dort
sieht man an, dass sie etwas Wunderbares, etwas Außergewöhnliches
sind. Dort findet sich auch eine Tafel, die davor warnt, ungebeten diese
Äpfel zu pflücken. Digory nimmt einen davon für Aslan,
dann erscheint eine unerwartete Gestalt, Jadis. Sie hat gerade einen
solchen Apfel gegessen. Sie sagt Digory, dass sie, nachdem sie von diesen
Äpfeln gegessen hätte, unsterblich sei, dass Digory auf diese
Weise ebenfalls unsterblich werden und seine todkranke Mutter retten
könne. Sie versucht ihn zu verführen, sich selbst diese Äpfel
zu nehmen. Er widersteht dieser Versuchung, wenn auch nur mühsam.
Aslan pflanzt mit dem Apfel
einen Baum, der sofort zu wachsen beginnt. Dieser Baum wird Narnia für
lange Zeit vor der Hexe bewahren. Diese ist wirklich unsterblich, aber
wann immer jemand einen solchen Apfel isst, wirkt dieser zwar tatsächlich,
führt aber zu einer Unsterblichkeit die in Verzweiflung mündet.
Deshalb ist der Hexe dieser Baum so unangenehm, dass sie dessen Umgebung
meiden wird, und so das Land über Jahrhunderte lang sicher sein
wird. Frank und Helen werden gekrönt. Dann wendet sich Digory,
der für seine Mutter keine Rettungsmöglichkeit mehr sieht,
voll Trauer an Aslan. Dieser gibt ihm einen Apfel des neu gepflanzten
und innerhalb von nur einer Nacht gewachsenen Baumes. Dieser Apfel macht
zwar nicht unsterblich, ist aber von heilender Wirkung. Polly und Digory
kehren nach London zurück. Onkel Andrew wird schlafend mitgschickt,
er hat sich allerdings von allem, was geschehen ist, so vollständig
abgeschottet, dass er in Aslan nur einen brüllenden Löwen
gesehen hatte.
In London gibt Digory seiner
Mutter den Apfel. Sie isst ihn, schläft ein und beginnt sich zu
erholen. Ihr Krebs ist - anders als der von Lewis' eigener Mutter -
geheilt. Digorys Vater kehrt wenig später aus Indien zurück,
dessen Onkel ist gestorben und hat ihm ein Vermögen und ein großes
Landhaus vermacht. Es ist das große Haus, in dem wir in The Lion,
the Witch and the Wardrobe Digory als dem alten Professor wieder begegnen.
The Magician's Nephew ist
ein höchst aktuelles Buch. So kritisiert Lewis sowohl mit Onkel
Andrew als auch mit Jadis einige auch heute gefährliche Tendenzen.
Beide sehen andere Menschen als Instrumente zur Durchsetzung des eigenen
Willens. Sie setzen sie bedenkenlos für ihren Vorteil ein. Und
sie nehmen diejenigen gar nicht wahr, die für sie gerade nicht
nützlich zu sein scheinen. Und sie sind auch bereit, andere für
ihren Machtwillen zu opfern, wie Jadis, die alles Leben ihrer Welt ausgelöscht
hat, weil sie dort die Herrschaft zu verlieren drohte.
Dann zeigt Lewis, wie der
Mensch mit dem Bösen umgehen muss, das dieser zu verantworten hat.
Er muss sich bemühen, das, was er angerichtet hat, wieder gut zu
machen. Er darf nicht über das Geschehene verzweifeln und sich
zurück lehnen, sondern er muss aufbrechen, um weiter zu machen.
Außerdem schärft
Lewis den Leser für die Gefahr der Versuchung durch die Sünde.
Jadis verführt Digory mit der Hoffnung auf die Heilung seiner Mutter,
also mit etwas sehr Gutem. Doch nicht einmal die Heilung eines geliebten
Menschen rechtfertigt die böse Tat. Dieser Hinweis ist gerade in
Zeiten aktuell, in denen immer wieder mit angeblichen Heilungschancen
das Überschreiten ethischer Grenzen bis hin zur Vernichtung menschlichen
Lebens gerechtfertigt wird..
Noch wichtiger als alle Warnungen
ist das Positive, das Lewis vermittelt. Die Freude über das neu
geschaffene Narnia wird spürbar. Das öffnet den Blick auch
für die echte Schöpfung. Das Buch hilft, sich auch darüber
zu freuen.
Insgesamt ist The Magician's
Nephew ein Buch, dass Vergnügen beim Lesen und Tiefgang vereint.
Diese Kombination macht es sehr lesenswert.
Thomas Gerold
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