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The
Water Babies - Die Wasserbabies von Charles Kingsley
The Water Babies (1863)
bzw. in deutscher Übersetzung die Wasserbabies ist ein seltsamer
Titel, der kaum vermuten lässt, dass sich dahinter ein lesenswerter
viktorianischer Kinderbuchklassiker verbirgt. Ein Buch, dass gleichberechtigt
neben den Kinderbüchern von Lewis Carroll und George
MacDonald steht. Ein Buch das sowohl für den kindlichen als
auch den erwachsenen Leser viele Schätze bereithält.
Zunächst ein paar Worte
zum Autor: Charles Kingsley (1819-1875) war eine der bekanntesten Persönlichkeiten
seiner Zeit. Er war anglikanischer Pfarrer und gerade im sozialen Bereich
sehr engagiert. So war er einer der führenden Köpfe der "Christian
Socialists", die aus christlicher Gesinnung heraus für soziale
Reformen eintraten. Zeitweise war er Tutor des Prince of Wales, des
späteren Edward VII. Außerdem hatte er zeitweise einen Lehrstuhl
für Geschichte in Cambridge inne, schrieb eine Reihe von Büchern
und wurde gegen Ende seines Lebens auch mit einem Ruf als Canon nach
Westminster Abbey geehrt. Bei all diesen vielen Aufgaben und Aktivitäten
blieb er aber immer auch seiner Landpfarrei Eversley treu. Es ist bedauerlich,
dass er im deutschsprachigen Raum nur durch eine eher unglückliche
Episode seines Lebens bekannt wurde. Er griff nämlich den zur römisch-katholischen
Kirche konvertierten John Henry Newman in einer Rezension so hart mit
dem Vorwurf der Lüge an, dass dieser sich genötigt sah, sich
in seiner Apologie genannten Autobiographie zu rechtfertigen. Zwar waren
manche Aussagen von Newman missverständlich, was Kingsleys Attacken
z. T. erklärt, aber der Vorwurf der Lüge war so wohl nicht
berechtigt. Mindestens genauso unberechtigt wäre es aber, Kingsley
auf diese Kontroverse zu beschränken. Auch wenn diese Auseinandersetzung
mit Newmans Apologie der englischsprachigen Welt einen ihrer Klassiker
bescherte.
Schon der Anfang der Water
Babies führt in eine heute ungewohnte Welt. Der Held der Geschichte
ist der kleine Kaminfegerjunge Tom. Der kann weder lesen noch schreiben.
Er betet nicht; denn von Gott hat er allenfalls in Flüchen gehört.
Nicht einmal als er ein Bild des Gekreuzigten sieht, weiß er,
um was es geht. Statt lesen und beten zu lernen muss er für seinen
hartherzigen Meister Grimes die Kamine fegen. Dazu muss er jeweils in
die Kamine hineinklettern, eine schmutzige und gefährliche Arbeit.
Zu Beginn der Geschichte bekommt Grimes einen Großauftrag. Die
Kamine des großen Hauses von Sir John müssen gefegt werden.
Tom verläuft sich in den zusammenhängenden Kaminen. Beim Ausstieg
aus dem falschen Kamin erschreckt er versehentlich Sir Johns kleine
Tochter Elie und flieht - nun irrtümlich als Dieb verdächtigt
- in Panik. Nach einer mehrstündigen gefährlichen Flucht findet
er bei einer freundlichen alten Frau in einem kleinen Dorf Aufnahme.
Dort stirbt er wenig später bei dem Versuch sich im Fluß
von dem Schmutz der Kamine reinzuwaschen. Sir John, der wenig später
sowohl von Toms Unschuld als auch von seinem Schicksal erfährt,
ist über den Tod Toms sehr unglücklich. Grimes weniger, denn
Sir John entschädigt ihn mit zehn Pfund. Genug für viel Bier.
An dieser Stelle endet die
Geschichte aber wider erwartend nicht. Der kleine Tom wird ein Wasserbaby
D. h. er lebt als kleiner Junge - noch kleiner als bisher - mit Kiemen
im Wasser weiter. Zunächst ist er allein. Er begegnet aber einigen
- mehr oder weniger freundlichen - Gestalten des Wassers. Er schwimmt
den Fluß hinab ins Meer. Dort tut er etwas, was er bei Grimes
nicht gelernt hat, nämlich eine gute Tat. Er rettet einen Hummer
vor dem Fischer. Gleich nach der guten Tat trifft er auf ein anderes
Water Baby. Das nimmt ihn mit zu St. Brendans Insel, wo Tausende von
Wasserbabies leben. Alles Kinder, die von bösen Eltern und Meistern
weggeholt wurden. Und als dorthin wie jeden Sonntag die wunderbare Mrs
Doasyouwouldbedoneby kommt, erlebt Tom es zum erstenmal umarmt zu werden,
was ihn glücklich macht.
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Auch wenn Tom
nun als Waterbaby lebt, so hat er doch vieles von seiner Zeit bei Grimes
behalten. Mal ärgert er die Meerestiere und die anderen Waterbabies.
Dann stiehlt er sogar Meeressüssigkeiten.. Doch für solche Probleme
ist die strenge und doch gute Mrs Bedonebyasyoudid da. Schon als er nur
die Meerestiere und die anderen Waterbabies quält, bekommt er von
ihr keine Belohnung. Während die anderen etwas von ihren köstlichen
Süßigkeiten bekommen, geht er leer aus. Er bekommt nur einen
Stein. Als er aber sogar ihre Süßigkeiten stiehlt, geschieht
Schlimmeres. Es wachsen ihm lauter Stacheln. Als Mrs Doasyouwouldbedoneby
wiederkommt, kann sie ihn nicht mehr umarmen, weil er so stachelig ist.
In dieser Situation bleibt Tom nicht anderes übrig, als sich in der
schwierigen Kunst des Gutwerdens zu üben. Dazu braucht er eine Lehrerin.
Die ist niemand anderes, als Sir Johns kleine Tochter Elie, die inzwischen
selbst gestorben ist und zu Tom kommt, um ihn zu unterrichten.
Sieben Jahre wird Tom von Elie
unterrichtet. Aber immer nur von Montag bis Samstag; denn am Sonntag geht
Elie immer in ihr wunderbares Zuhause, zu dem Tom ihr nicht folgen kann.
An diesen Ort hat nur Zutritt, wer zuerst an einen Ort geht, an dem er
nicht sein will, und jemanden hilft, den er nicht mag. Dieser Aufgabe
muss sich auch Tom stellen. Er muss seinen alten Meister Grimes retten.
Der ist inzwischen selbst gestorben und im fernen Other-end-of-Nowhere
selbst in einem Gefängnis. Er ist dort in einem großen Kamin,
den er selbst säubern muss, und in dem er steckengeblieben ist. Tom
macht sich auf die lange und gefährliche Reise durch das weite Meer
über das Ende der Welt hinaus, wo er endlich Grimes findet. Der erhält
eine neue Chance zur Besserung. Er muss für lange Zeit den Ätna
ausfegen. Tom dagegen hat seine Aufgabe erfüllt. Er ist kein Water
Baby mehr. Er ist gewachsen.
Es ist schwer, dieses Buch
einzuordnen. So spielen in diesem Buch klassisch christliche Themen eine
Rolle. Tom muss seinem ärgsten Feind helfen. Damit entwickelt er
sich selbst weiter und wird gerettet. Außerdem bezieht Kingsley
zu verschiedensten weiteren Themen Stellung. So zur damals heiß
umkämpften Evolutionslehre, zu Erziehungsfragen und zu sozialen Problemen.
Bei all diesen ernsten Themen wird die Atmosphäre des Buchs aber
immer von Kingsleys wunderbarem Humor geprägt. Bei aller Tiefe fehlt
dieser selbst dann nicht, wenn es um gut und böse, wenn es um Rettung
und Verdammnis geht. Kingsleys Humor - seine spielerische Behandlung ernster
Themen - macht das Lesen zum Vergnügen aber auch eine endgültige
Bewertung schwierig. Gelegentlich bleibt offen, wie ernst Kingsley die
eine oder andere Aussage wirklich meint. Eigenes Denken ist gefordert.
Doch was kann man sich mehr von einem Buch wünschen als vergnügliche
Stunden des Lesens und Weiterdenkens.
Thomas Gerold
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