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Die
"Chronicles of Barset" von Anthony Trollop
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Antony Trollope (1815-1882)
gehört zu den bekanntesten viktorianischen Autoren. Er schrieb
ca. 40 Romane.
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Die als "Chronicles
of Barset" zusammengefassten Romane vereint, dass sie in der fiktiven
Grafschaft Barsetshire spielen. In ihrer Mitte liegt die alte Stadt
Barchester, in deren Zentrum eine große Kathedrale liegt. Die
um sie herum tätigen Geistlichen sind die zentralen Gestalten.
Sie halten die Romane zusammen, die noch heute das Bild des viktorianischen
Geistlichen prägen. Auf diese Romane will ich heute einen kurzen
Blick werfen.
The Warden (1855)
Der Zyklus beginnt mit "The Warden", dem ersten und kürzesten
der Romane. Die Geschichte dreht sich um Septimus Harding, einen älteren
Geistlichen, der für eine uralte Stiftung zuständig ist. Dieses
Amt sichert ihm ein gutes Einkommen; denn ihm kommt ein Großteil
der über die Jahrhunderte vervielfachten Einkünfte der Stiftung
zu. Die Stiftung ist nämlich so konzipiert, dass zwölf arme
arbeitsunfähige alte Männer dort leben, versorgt werden, und
ein kleines Taschengeld erhalten, während der Rest des Ertrags
an den Warden geht. Früher war das nicht viel, aber im Laufe der
Jahrhunderte hat sich das geändert. Das entspricht völlig
dem Recht und noch nie war jemandem der Gedanke gekommen, es könnte
daran irgendetwas falsch sein. Gerade bei dem freundlichen Stephen Harding,
der immer für seine Schützlinge da ist und ihnen freiwillig
mehr gibt, als verlangt. Doch plötzlich kommt es zum Skandal. Der
gute Stephen Harding gerät dadurch in eine schreckliche Situation.
Von allen Seiten - vor allem von seinem sehr auf Einfluss bedachten
Schwiegersohn Archdeacon Grantly
- wird auf ihn eingewirkt. Zuletzt muss er selbst eine folgenschwere
Entscheidung treffen. Er muss selbst entscheiden, ob er seine augenblickliche
Stellung und damit auch seine finanzielle Sicherheit aufgibt oder nicht.
| Ein
Archdeacon, was man mit Erzdiakon übersetzen kann, ist ein
hochrangiger anglikanischer
Geistlicher. Zusammen mit dem Dean der Kathedrale folgt er in der
Hierarchie eines Bistums direkt auf den Bischof. Von dem kann er
weder ein- noch abgegesetzte werden. |
Barchester Towers
(1857) Septimus Harding und der Archdeacon spielen auch im folgenden
Roman "Barchester Towers" eine entscheidende Rolle. Der Bischof
stirbt und wird durch einen evangelikal geprägten, von seiner Frau
beherrschten Nachfolger ersetzt. Diese Frau - Mrs Proudie - wird von
nun an zu einer der bedeutendsten Figuren des ganzen Romanzyklus. Ein
regelrechter Kampf zwischen der hochkirchlichen Partei im Klerus unter
Archdeacon Grantly und dem Bischof, bzw. seiner Frau entbrennt. Natürlich
ist auch Septimus Harding davon betroffen. Er ist weniger Teilnehmer,
sondern vielmehr einer der Leidtragenden des Konfliktes. Der vom Archdeacon
zu Hilfe gerufene Geistliche und Theologe Arabin findet in Barsetshire
sowohl eine Frau als auch eine Stellung und gehört von nun an zu
den Gestalten, die diese fiktive Grafschaft mit Leben erfüllen.
Doctor Thorne (1858)
Der Roman "Doctor Thorne" spielt in einem anderen Umfeld.
Im Zentrum stehen der Landarzt Doctor Thorne und seine Nichte. Ihre
Liebe zu Frank Gresham, dem Sohn des Squires, der um das finanzielle
Überleben kämpft, wozu dringend Geld erheiratet werden muss,
steht im Zentrum des Buches. Trollope löst das Problem am Schluss,
wenn auch vielleicht nicht auf die eleganteste Weise. Davor spielt der
Roman nicht nur im Haus des Doktors, sondern der Leser erhält auch
Einblick in das Leben des neureichen Unternehmers Sir Robert Scatcherd,
eine unglückliche Gestalt, deren Testament die Handlung aber zum
Guten wenden kann. Besonders erwähnenswert ist das erstmalige Erscheinen
der reichen Erbin Miss Dunstable, die auch viele weitere Romane nicht
nur mit ihrem Geld bereichert. Auch der Duke of Omnium hat hier seinen
ersten Auftritt.
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Framley Parsonage (1861)
In "Framley Parsonage" wenden wir uns wieder einem Pfarrhaus
zu. Dort lebt der junge Pfarrer Mark Robarts zusammen mit seiner Frau.
Durch den Einfluss von Lady Lufton hat er trotz seiner Jugend eine gut
bezahlte Pfarrerstelle und bemüht sich durchaus um die Erfüllung
seiner Pflicht. Doch es naht die Versuchung in Form schlechter Gesellschafter.
Insbesondere der Einfluss des verschwenderischen Abgeordneten Mr Sowerby
bringt Robarts in Gefahr. Die Welt des idyllischen Pfarrhauses und die
Welt der Londoner Intrigen stehen gegeneinander. Wer wird gewinnen? Neben
diesem Streit hat Mrs Proudie, die Frau des Bischofs einen ihrer komischsten
Auftritte. Der Duke of Omnium erscheint wieder. Der ehrliche und vielleicht
zu pflichtbewusste aber arme Geistliche Mr Crawley wird eingeführt.
Er versucht Mark Robarts zur Vernunft zu bringen. Und natürlich gibt
es auch eine Liebesgeschichte. Ganz abgesehen davon, dass auch Miss Dunstable
endlich ihr Glück findet. Also findet sich auch in "Framley
Parsonage" alles, was für einen guten Roman nötig ist.
The Small House of Allington
(1864)
Noch stärker im Vordergrund steht die Liebesgeschichte in "The
Small House of Allington". Sie scheint schon nach den ersten Kapiteln
zu Ende sein, aber dann nimmt sie eine traurige Wendung. Das Schicksal
der Hauptfiguren, Lily Dale und John Eames, beschäftigte manche viktorianische
Leser so sehr, dass sie Trollope mit Bittbriefen für ein gutes Ende
bombardierten. Der Roman spielt in verschiedensten Umgebungen. Das kleine
Haus von Allington, wo die Witwe Dale mit ihren beiden Töchtern wohnt.
"Courcy Castle", in dem der wenig angenehme Earl de Courcy mit
seiner noch weniger angenehmen Familie wohnt. Der freundliche Lord de
Guest mit seiner exzentrischen aber liebenswerten Schwester. Während
des Romans geht es auch nach London, wo John Eames eine kleine Stellung
in einem Ministerium hat. Langweilig wird es dem Leser jedenfalls bei
diesem Roman nicht.
The Last Chronicle of Barset
(1867)
Düsterer ist die Atmosphäre in "The Last Chronicle of Barset".
Der schon aus "Framley Parsonage" bekannte Mr Crawley gerät
in den Verdacht des Diebstahls. Alle Indizien sprechen gegen ihn. Aber
kann dieser hart arbeitende Priester wirklich ein Dieb sein? Kann sich
die Angelegenheit noch bis zur Verhandlung klären? Um dieses Problem
dreht sich der Roman. Darumherum gruppiert sich die übrige Handlung.
Z. B. die Liebe zwischen der Tochter von Mr Crawley und dem Sohn des stolzen
Archdeacon Grantly, die verzweifelten Versuche des Bischofs sich der Herrschaft
seiner Frau zu entziehen der friedliche Tod von Septimus Harding, mit
dem die Chronicles of Barset endgültig zu Ende gehen.
Die Chronicles of Barset sind
eines der beiden Meisterwerke Trollopes. Nur die "Palliser-Novels",
ein auf die Chronicles of Barset folgender Zyklus von Romanen die im politischen
Umfeld spielen, kommt an die Qualität des Vorläufers heran.
Besonders positiv fallen die liebevoll umrissenen Charaktere auf, für
die sich Trollope wohl wirklich interessierte. So Septimus Harding, der
sanfte alte Mann, dem es aber doch gelingt sich zu einer schweren Entscheidung
durchzuringen, wenn es notwendig ist. Oder der Archdeacon. Nach einem
schwachen Beginn in "The Warden", wo er geradezu als Karikatur
erscheint, zeichnet ihn Trollope in den folgenden Romanen etwas milder.
Selbst die manchmal überzeichnete Mrs Proudie belebt die Romane.
Diese und viele andere Gestalten verleihen den Romanen Leben.
Eins bleibt jedoch anzumerken.
Von den eigentlichen Aufgaben von Geistlichen verstand Trollope nicht
allzu viel. Oder wenn er es tat, dann floss das nicht oder fast nicht
in die Romane ein. Er sagt auch selbst, dass es ihm nur um das gesellschaftliche,
nicht um das berufliche Leben des Klerus ging. Er kennt zwar eine ganze
Reihe von Bibelstellen und Grundgebeten - so wird an einer Stelle das
Nun Dimittis zitiert, aber das war damals nichts außergewöhnliches.
Außerdem dürfte er von seiner Schulzeit in der Kathedralenstadt
Winchester profitiert haben. Aber er schreibt nicht ausdrücklich
als Christ und wollte es wohl auch nicht. Jedoch auch nicht als Gegner
des Christentums. Sondern er schreibt einfach Romane. Und das ist ihm
gelungen.
Thomas Gerold
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