"Unendliche
Annäherung"
Die
Gestalt des Cusanus
Teil
I
Einleitung:
Das gegenwärtige Interesse an Cusanus als Ausdruck der ursprünglichen
Bedeutung seiner Gestalt
"Im Anfang war das
Staunen" - Was seit der Antike als Ursprung der Philosophie gilt
(Vgl. Platon Theaithetos 155 d, Aristoteles, Metaphysik 982 b 12f),
trifft nicht nur für das ursprungsnahe Denken des Nikolaus Cusanus
zu, sondern auch für alle, die sich heute für ihn interessieren.
Denn bevor sich jemand mit etwas beschäftigt, ist er zunächst
davon fasziniert und wird von der Erfahrung des Erstaunens dazu bewegt.
Für Cusanus lassen sich im Blick auf diese Zusammenhänge
signifikante Einsichten gewinnen: Seit den Zwanziger Jahren des 20.
Jahrhunderts, seit dem Erscheinen des Buches Individuum und Kosmos
in der Philosophie der Renaissance des neukantianischen Philosophen
Ernst Cassirer, wird Cusanus zum Thema nunmehr zahlloser wissenschaftlicher
Untersuchungen aus den verschiedensten Disziplinen, von der Volkskunde
bis zur Evolutionsbiologie. Dieses wissenschaftliche Interesse ist
dabei keineswegs auf Deutschland oder Europa begrenzt; inzwischen
gibt es selbst in Amerika und Japan Cusanus-Gesellschaften. Auch die
akademischen Grenzen hat die Faszination für Cusanus schon längst
durchbrochen: Er hat über die Programme von Erwachsenenbildungs-Veranstaltungen
und Fernsehsendungen hinaus nunmehr auch in anthroposophische Zirkel
Eingang gefunden. Ein Beispiel ist EKKEHARD MEFFERTS, Nikolaus
von Kues. Sein Lebensgang - seine Lehre vom Geist, Stuttgart 1982.
Die Rede von einer ,Cusanus-Renaissance' gewinnt, je mehr Bereiche
sie erfasst, immer mehr an Berechtigung. Dieser Befund hat ein eindeutiges
Ergebnis: Das Staunen über diese Figur des 15. Jahrhunderts steigt
unaufhaltsam.
Die zunehmende Faszination
für Cusanus möchte ich nun nicht nur als günstige Ausgangsbedingung
dafür nützen, um etwa die neuesten Ergebnisse der Cusanus-Forschung
zu präsentieren. Ich möchte vielmehr den Versuch wagen,
dem gegenwärtigen Interesse an Cusanus eine tiefere Bedeutung
abzugewinnen, indem ich es in philosophischer Manier als Phänomen
analysiere. Die Tatsache, dass Cusanus in letzter Zeit so viele Menschen
zum Staunen bringt, erstaunt mich ihrerseits. Dieses interessante
Phänomen macht mich nachdenklich und bewegt mich dazu, die Frage
zu stellen, warum diese Figur, die Jahrhunderte lang mehr oder weniger
vergessen war, gerade heute eine derartige Renaissance erlebt. Meine
folgenden Überlegungen haben zunächst das Ziel, die Gründe
für die gegenwärtige Präsenz des Cusanus zu erhellen.
Doch ganz unabhängig
davon, ob es gelingt, eine befriedigende Antwort auf diese Frage zu
finden, muss vorher geklärt werden, ob eine solche Zugangsweise
überhaupt sinnvoll ist, das heißt, ob diese Antwort irgendeine
Aussagekraft haben kann, die uns Cusanus wirklich näher bringt.
Dazu eine kurze Vorüberlegung. Sinnvoll ist eine derartige Fragestellung,
wenn man die folgenden Prämissen über das Verhältnis
von Vergangenheit und Gegenwart akzeptiert: Unbestritten ist, dass
jedes Interesse für die Vergangenheit darin seine Legitimation
findet, dass sich die Gegenwart nur als das Ergebnis von Entwicklungen
verstehen kann, deren Wurzeln in die Geschichte zurückreichen.
Im Falle des Cusanus trägt diese Legitimation aber nicht sehr
weit, weil sich trotz der immer wieder zu Recht oder zu Unrecht betonten
,Modernität' des Cusanus erstaunlich wenige Wesenszüge der
Gegenwart direkt auf seinen Einfluss zurückführen lassen.
Es muss noch eine andere Verbindungsmöglichkeit von Vergangenheit
und Gegenwart geben als die der direkten Entwicklungslinien, damit
unsere Frage nach den Gründen für die heutige Cusanus-Renaissance
sinnvoll sein kann. Diese Verbindungsmöglichkeit, die tiefer
als die Ebene positiv-historischer Faktizität liegen muss, erschließt
sich gleichwohl in einer radikalen historischen Betrachtungsweise:
Wenn man Cusanus radikalhistorisch zunächst nur im Kontext seiner
Zeit betrachtet, so sprengt die historische Betrachtungsweise zugleich
ihre Grenzen mit der Einsicht, dass Cusanus in vielen Hinsichten weit
über seine Zeit hinausragt, ihr ,voraus' ist. Je größer
eine historische Figur ist, desto weniger kann ihre Bedeutung von
ihrer historischen Vergangenheit erfasst werden, desto mehr verweist
sie in eine Zukunft, in der die von ihr vorweggenommenen Möglichkeiten
verwirklicht werden können. Wenn nach einer langen Zeit des Vergessens
eine geschichtliche Persönlichkeit erneut in den Mittelpunkt
des Interesses rückt, so könnte dies ein Indiz dafür
sein, dass die Zeit nun für die Wirksamkeit einer überragenden
Figur der Vergangenheit reif geworden ist. Genau unter dieser Prämisse
möchte ich die Frage nach den Gründen der gegenwärtigen
Cusanus-Renaissance stellen und beantworten: Nikolaus Cusanus hat
eine Entwicklungsstufe vorweggenommen, deren Zukünftigkeit gerade
in der unmittelbaren Gegenwart aktuell wird.
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Um diese gegenwärtige
Bedeutung des Cusanus entdecken zu können, die hinter dem aktuellen
Interesse an ihm verborgen zu sein scheint, genügt es nicht,
etwa nur sein Leben oder sein Denken, seine öffentliche Wirksamkeit
oder seine Rezeptionsgeschichte isoliert zu betrachten. Die Aktualität
des Cusanus zu verstehen erfordert eine Synthese dieser vielfältigen
Aspekte. Diese Synthese möchte ich durch eine Interpretationskategorie
erreichen, die ich in der Rede von der Gestalt gegeben sehe.
Unter Gestalt verstehe ich mit JOSÉ SÁNCHEZ DE
MURILLO die Summe aller Lebensumstände und geistigen Äußerungen
einer überragenden historischen Persönlichkeit. Die Synthese
all dieser Momente fügt sich dann zur Einheit einer Gestalt,
wenn sie einer geschichtlichen Figur eine Einzigartigkeit verleiht,
die aber zugleich in dem Sinne allgemeine Bedeutung hat, als darin
eine zukünftige Entwicklungsstufe der Menschheitsgeschichte präfiguriert
ist.
Unter der Prämisse,
dass sich die menschheitsgeschichtliche Bedeutung einer Gestalt erst
im Horizont einer späteren Zeit voll bewahrheitet, ist es nicht
nur legitim, sondern geradezu gefordert, das gegenwärtige Interesse
an einer historischen Figur als Ausdruck ihrer ursprünglichen
Bedeutung zu interpretieren. In den anschließenden Überlegungen
möchte ich daher die folgende Hypothese bewahrheiten: Die gegenwärtige
Faszination für Cusanus findet ihren Grund darin, dass in seiner
Gestalt eine Bedeutung verborgen liegt, die sich erst heute in ihrer
vollen Tragweite zeigt. Mein Versuch, vom derzeitigen Interesse einen
Weg zu Cusanus zurückzufinden und das in seiner Gestalt zu finden,
was seine Bedeutung im Blick auf die Gegenwart sein kann, ist gewagt
und bewusst etwas provozierend. Indem meine Überlegungen zum
Widerspruch herausfordern, sollen sie nicht nur für die Diskussion
anregend sein, sondern auch für ein erneutes Nachdenken über
Nikolaus Cusanus, in dem unser Staunen über diese nie endgültig
fassbare Gestalt neu lebendig wird.
Martin
Thurner
Unendliche Annäherung
- Die Gestalt des Cusanus
- Teil
II
- Teil
III
- Teil
IV
- Teil
V
Literatur
- HUBERT BENZ, Individualität
und Subjektivität. Interpretationstendenzen in der Cusanus-Forschung
und das Selbstverständnis des Nikolaus von Kues, Münster
1999.
- KURT FLASCH, Nikolaus
von Kues. Geschichte einer Entwicklung, Frankfurt / M. 1998.
- EKKEHARD MEFFERT, Nikolaus
von Kues. Sein Lebensgang - seine Lehre vom Geist, Stuttgart 1982
| Dr. Martin Thurner
ist Privatdozent für Christliche Philosophie an der Katholisch-Theologischen
Fakultät der Ludwig-Maximillians-Universität München.
Seine Habilitationschrift Gott als das offenbare Geheimnis
nach Nikolaus von Kues ist 2001 beim Akademie Verlag erschienen |
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