"Unendliche
Annäherung"
Die
Gestalt des Cusanus
Teil
III
Experimentum
bei Cusanus: Technischer Versuch und mystische Erfahrung
Einen Eindruck davon zu verschaffen, wie intensiv Cusanus Technik
und Mystik ineins denkt, ist relativ leicht. Denn es zeichnet sich
diesbezüglich im cusanischen Denken eine bewusstseinsgeschichtliche
Wende ab, die wir leicht nachvollziehen können, weil wir heute
noch in deren Wirkungsbereich stehen. Wie wichtig diese Weichenstellung
durch Cusanus war und wie einseitig sie fortwirkte, zeigt sich in
den fragmentarischen Spuren, die sie bis in unseren alltäglichen
Sprachgebrauch hinein hinterlassen hat. Allen ist das Wort Experiment
geläufig. Und man verbindet es mit einem eindeutigen Inhalt:
Ein Experiment ist ein naturwissenschaftlicher Versuch zur Bestätigung
von theoretischen Hypothesen durch empirische Daten, die durch eine
methodische Beeinflussung der Beobachtungsbedingungen gewonnen werden.
Wenn man aber in einer Art ideengeschichtlicher Untersuchung der Frage
nachgeht, wo diese uns geläufige Bedeutung von Experiment
erstmals breit belegt ist, so wird man bei Roger Bacon und vor allem
bei Cusanus landen. Bei diesem Kardinalbischof des 15. Jahrhunderts
(1401-1464) findet man den heute geläufigen Sinn des Wortes Experiment
nicht etwa mehr beiläufig und zufällig versteckt in einer
Fußnote, sondern programmatisch im Titel einer seiner wenigen
Werke, die durch die folgenden Jahrhunderte nach seinem Tod hindurch
eine relativ kontinuierliche und breite Wirkungsgeschichte hatten.
Und wer auch nur den Titel dieser Schrift liest, wird entdecken, dass
Cusanus nicht nur das Wort Experiment in der heutigen Bedeutung
verwendet, sondern gleich auch jene Methode vorwegnimmt, durch die
das Experimentieren zum erfolgbringenden Instrument der heute weltbeherrschenden
Naturwissenschaften werden konnte. Der Titel der Schrift lautet im
lateinischen Original: Idiota de staticis experimentis - in
der üblichen deutschen Übersetzung: Der Laie über
Experimente mit der Waage. Und nun staunen wir in doppelter Weise:
Zum einen darüber, dass wir bereits bei Cusanus in der Umschreibung
Experimente mit der Waage die seit Galilei gebräuchliche
quantifizierende Methode der Naturwissenschaften vorfinden. Zum anderen
aber darüber, dass Cusanus hier diese Experimente nicht
- wie zu erwarten - namentlich von einem Experten durchführen
lässt, sondern von einem Laien, der im Lateinischen noch
dazu als Idiota benannt wird, also als einer, der gerade über
keinerlei Kenntnisstand in irgendeinem Spezialgebiet verfügt.
Und so ergeht es einem bei der Cusanus-Lektüre ständig:
Man findet Bekanntes stets in einem überraschend neuen Kontext,
mit dem man es nach heutigem Verständnis nicht verbinden würde.
Was es zu bedeuten hat, dass bei Cusanus merkwürdigerweise der
unkundige Laie die Stelle des experimentierenden Experten einnimmt,
werden wir später zu klären haben. Zunächst müssen
wir von jenem Punkt ausgehen, der uns heute so weit mit Cusanus gemeinsam
ist, dass er uns fast ein früher Zeitgenosse zu sein scheint.
Die unsere Lebenswirklichkeit
heute dominierende technische Welterschließung wird bei Cusanus
in der Schrift über die Experimente mit der Waage nicht nur theoretisch
begründet, sondern in einer Vielzahl von Beispielen auch konkret
durchexerziert oder besser - durchexperimentiert. Ich greife ein Beispiel
heraus, in welchem sich auch die medizinischen Interessen des Kardinalbischofs
spiegeln, der in seiner privaten Gelehrtenbibliothek mehr medizinische
Handschriften besaß als zu seiner Zeit die renommierte Pariser
Universität:
Meinst du nicht, dass
ein Gewichtsunterschied zwischen den Wassermengen bestünde,
wenn man Wasser aus einer festgelegten Öffnung einer Wasseruhr
solange in ein Becken fließen ließe, bis man den Puls
eines gesunden jungen Menschen hundertmal gefühlt hätte
und dies bei einem kranken wiederholte?
Dies ist das erste wörtliche
Cusanus-Zitat in meinem Beitrag, und ich hoffe, ich habe es so ausgewählt,
dass es überraschend ist, in einem Beitrag über Cusanus
Derartiges zu lesen. Der überraschenden Neuheit dieses experimentellen
Wirklichkeitszugangs war sich auch Cusanus selbst bewusst. Er sagt
dies im unmittelbaren Kontext des letzten Zitats, indem er die zukünftige
Effektivität dieser quantifizierend-vergleichenden Methode voraussieht:
"Es ist sehr erstaunlich", stellt Cusanus im Rückblick
auf das von ihm abgelöste, vorneuzeitliche Methodenparadigma
der Naturforschung fest, "es ist sehr erstaunlich, dass so viele
fleißige Forscher bisher am Aufzeichnen der Gewichte uninteressiert
gewesen sind."
Über den Abstand von
mehr als einem halben Jahrtausend rückt uns Cusanus hier erstaunlich
nahe: Er kennt den heute dominierenden technisch-wissenschaftlichen
Wirklichkeitszugang nicht nur, sondern sieht darin auch einen wesentlichen
Grundzug menschlicher Selbstverwirklichung und nimmt schließlich
die quantifizierende Methode der Naturwissenschaften vorweg. Doch
um nicht missverstanden zu werden, muss ich es nochmals wiederholen:
Es kommt mir letztlich nicht darauf an zu zeigen, dass Cusanus allein
deshalb heute von Interesse ist, weil er als erster den menschlichen
Weltzugriff von der Technik her denkt. Wenn sich der Bezug des Cusanus
zur Gegenwart nur darin erschöpfen würde, wäre er für
uns heute lediglich von historischem Interesse. Wie man aber schon
dem Titel meines Beitrages entnehmen kann, geht es mir um die gegenwärtige
Bedeutung der Cusanus-Gestalt. Und bedeutsam kann nur etwas
werden, was uns über das hinaus verweist, was uns sowieso schon
bekannt ist. Was mich als die aktuelle Bedeutung der Cusanus-Gestalt
interessiert, ist die Frage, inwiefern Cusanus in seiner Auffassung
von der Technik in einer Weise über unsere gegenwärtige
Wirklichkeit hinausgeht, die uns heute ebenso intensiv gesuchte wie
ungeahnt neue Horizonte eröffnen kann. Die Nähe des Cusanus
zu unserer gegenwärtigen Lebenswirklichkeit ist somit nur die
Bedingung dafür, dass wir uns ihm annähern können.
Die "Unendliche Annäherung", von der ich im Titel meines
Beitrages spreche, ist in einem ersten Sinn die in der gegenwärtigen
Situation dringend not-wendige Bewegung auf jene Dimension der Cusanus-Gestalt
hin, von der wir heute trotz seiner Nähe noch unendlich weit
entfernt sind.
Wenn wir uns nun also fragen,
worin Cusanus der Zukunft unserer technischen Gegenwart unendlich
weit vorausgeht, so erleben wir wieder eine überraschende Erfahrung
in der Cusanus-Lektüre: Die aktuelle Neuheit der cusanischen
Gedanken beruht gerade darauf, dass Cusanus in seiner Philosophie
der technischen Produktivität die alten, antik-mittelalterlichen
Auffassungen vom Menschen integriert, sie darin aufhebt. Wie spannungsreich
und wie intensiv gedacht diese Synthese der Gegensätze bei Cusanus
zugleich ist, findet wiederum einen signifikanten Ausdruck im cusanischen
Gebrauch jenes Wortes, dessen uns heute geläufige Bedeutung wir
uns schon vergegenwärtigt haben. Wir kommen zur Geschichte des
Wortes Experiment zurück. Im Sinne von ,quantifizierender
naturwissenschaftlicher Versuch' ist es, wie gesagt, bei Cusanus erstmals
breit belegt. Doch was bedeutete experimentum vorher, und wie
steht Cusanus zur ihm vorausliegenden, traditionellen Begriffsgeschichte
dieses Wortes? Und hier werden wir nun wiederum von Cusanus überrascht:
Er kennt und verwendet nicht nur die moderne Bedeutung von Experiment,
sondern rekurriert in denselben Textzusammenhängen auch auf den
heute vergessenen, alten, traditionellen Sinn von experimentum.
Wenn Cusanus tatsächlich ein großer Denker ist, so ist
ihm diese Bedeutungsvermischung sicherlich nicht als zufälliger
Fehler unterlaufen. Sie muss vielmehr einen philosophischen Sinn haben,
den wir in den folgenden Überlegungen des Beitrages erschließen
müssen.
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Dazu müssen wir zuerst
jene von Cusanus noch gewahrte Bedeutung klären, die das Wort
Experiment hatte, bevor es den
empirisch-naturwissenschaftlichen Versuch bezeichnete. In der Tradition
vor Cusanus gehört das Wort experimentum einem Kontext
an, der uns heute nicht nur als unendlich weit von der technischen
Realität entfernt erscheint, sondern gar als der schiere Gegensatz
dazu. Bei den bedeutendsten Autoren des Mittelalters, wie beispielsweise
Thomas von Aquin und Bonaventura, bezeichnet experimentum die
spirituell-emotionale, innere mystische Erfahrung. Dass diese Bedeutung
die ursprünglichere ist, zeigt sich auch in der etymologischen
Wortgeschichte von Experiment: Im lateinischen experiri
ist die Konnotation von Erfahren und Erleben noch vorherrschend. Im
philosophischen Sprachgebrauch des Mittelalters wird in die Verwendung
von experimentum die Bedeutung eines dementsprechenden altgriechischen
Wortes mit aufgenommen. In zahlreichen lateinischen mystischen Texten
ist experimentum die Übersetzung des griechischen Wortes
pathos. In einem auf die mystische Erfahrung bezogenen Sinn
wird von pathos gesprochen bei Dionysius Areopagita, einem
der Urväter der christlichen Mystik des Mittelalters, dessen
Schriften zu den wichtigsten Quellen des cusanischen Denkens gehören.
Indem Cusanus in seiner Rede vom experimentum auch die Theorie
der mystischen Erfahrung nach Dionysius Areopagita fortführt,
schöpft er indirekt auch aus jenen antik-philosophischen Quellen,
von denen die Rede vom pathos bei Dionysius geprägt ist.
Bei Platon bezeichnet pathos jenes den Menschen in affektiver
Unmittelbarkeit überwältigende Ursprungserleben, aus dem
alles Philosophieren anfänglich hervorgeht, nämlich das
Staunen.
Wie Cusanus gerade diese
dem intellektuellen Denken ursprünglich vorausliegende, mystische
Bedeutung von experimentum neu in den Mittelpunkt stellt, wird
deutlich, wenn wir uns an jene Frage zurückerinnern, die im Hinblick
auf den Titel der cusanischen Schrift über das Experiment
offen blieb. Idiota de staticis experimentis - Der Laie über
die Experimente mit der Waage - so lautete der Titel der Schrift.
Unsere Frage, warum hier ausgerechnet nicht ein Experte, sondern ein
unkundiger Laie Experimente durchführt, klärt sich im Rückblick
auf die alte, mystische Bedeutung von experimentum auf: Weil
der im mystischen Sinn Erlebende ekstatisch in jene Dimension hingerissen
wird, die allem begreifenkönnenden Denken ursprünglich vorausliegt,
ist eben der nichts wissende und einfältig erlebende Laie der
eigentliche Experte, der mystisch Erfahrende. Im cusanischen Idiota,
dem Laien, spitzt sich also die im Gebrauch des Wortes Experiment
vollzogene Synthese von Gegensätzen in einer konkreten Gestalt
zu. Dies erlaubt es uns, die für unsere folgenden Überlegungen
leitende Frage eindeutig zu formulieren: Wie ist es möglich,
dass ein und dieselbe Gestalt, nämlich der Idiota, zugleich
im antik-mittelalterlichen Sinn ein kontemplativer Mystiker und im
modernen Sinn ein Techniker und Naturwissenschaftler ist? Die Antwort
auf diese Frage lässt sich finden, wenn man bedenkt, dass Cusanus
in der Idiota-Gestalt nicht nur ein ideales Bild seiner eigenen Persönlichkeit
zeichnet (darüber werden wir später noch zu sprechen haben),
sondern darin letztlich seine Idealvorstellung vom Wesen des Menschen
philosophisch konzipiert. Unsere Fragestellung lässt sich damit
noch präziser formulieren: Welche philosophische Auffassung vom
Wesen des Menschen liegt bei Cusanus der Einsicht zugrunde, dass der
Mensch im Idealfall Mystiker und Techniker zugleich sein kann?
Martin
Thurner
Unendliche Annäherung
- Die Gestalt des Cusanus
Literatur
- FRITZ NAGEL, Nicolaus
Cusanus und die Entstehung der exakten Wissenschaften, Münster
1984.
| Dr. Martin Thurner
ist Privatdozent für Christliche Philosophie an der Katholisch-Theologischen
Fakultät der Ludwig-Maximillians-Universität München.
Seine Habilitationschrift Gott als das offenbare Geheimnis
nach Nikolaus von Kues ist 2001 beim Akademie Verlag erschienen |
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