Schlussgedanke: Die mystische Sammlung in der Vielfalt
aktiver Weltgestaltung
Ich komme
zum Schluss meines Beitrages. Zur Abrundung möchte ich noch kurz
darauf hinweisen, wie Cusanus die Einheit von kreativer Weltgestaltung
und mystischem Erleben nicht nur in der Idee der unendlichen Annäherung
gedacht, sondern auch konkret gelebt hat. Erst durch diese Einheit
von Theorie und Praxis wird Cusanus zu jener einzigartigen Gestalt,
die bereits am Beginn der neuzeitlichen Entwicklung jene Stufe der
Menschheitsgeschichte präfiguriert, an deren Zukünftigkeit
wir gegenwärtig arbeiten müssen. Das mystische Bewusstsein,
Annäherung an den unendlichen Gott zu sein, gibt dem konkreten
Lebenshorizont des Cusanus eine unendliche Weite: Sie zeigt sich in
der auch heute noch beispielhaften Toleranz, mit der Cusanus den verschiedensten
Religionen und Kulturen seiner Zeit begegnet. Diese Toleranz, die
für das gegenwärtige Zusammenleben der Menschen in einer
globalisierten Gesellschaft notwendig ist, gründet nach Cusanus
im unbegreiflichen Geheimnis Gottes selbst. Weil der Mensch in den
verschiedensten kulturellen Phänomenen die unendliche Kreativität
Gottes nachahmt, diese aber unerreichbar bleibt, kann keine konkrete
Kultur die letztgültige sein und über alle anderen einen
Absolutheitsanspruch erheben. Die Vielfalt der Kulturen ist für
Cusanus vielmehr der positive Wert, denn in ihr spiegelt sich die
Unerschöpflichkeit der Unendlichkeit des Schöpfergottes.
Diese positive
Einstellung zur kulturellen Vielfalt spiegelt sich schließlich
im vielfältigen Wirken des Cusanus selbst. In der geradezu unendlichen
Spannkraft seiner Persönlichkeit vereinigte er Tätigkeiten,
die jede für sich einen einzigen Menschen bereits überfordern
können: Politik, Jurisprudenz, wirtschaftliche Verwaltung, Philosophie,
Theologie, Mystik, Kirchenreform, Seelsorge, Religionsdialog, Mathematik,
Kartographie, Astronomie, Naturwissenschaft, Technik, Humanistische
Kultur, Handschriftensammlung, philologische Textkritik und anderes
mehr. In seiner Person und seinem biographischen Lebensgang vereinigt
er aber nicht nur ansonsten getrennt bleibende Tätigkeiten, sondern
auch deutlich voneinander abgegrenzte Epochen und Kulturbereiche,
nämlich die antike Philosophie mit dem christlichen Glauben oder
das spätmittelalterliche Deutschland mit dem frühhumanistischen
Italien.