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Heraklit oder
der Denker des Hörens
Das Hören: Ein
religiöses Grundphänomen als vergessene Wesenswahrheit der
Vernunft
Betrachtet man das religiöse
Bewußtsein unter dem Gesichtspunkt der ihm entsprechenden menschlichen
Verhaltensart, so offenbart sich im Verlauf seiner geschichtlichen
Entwicklung in zunehmend intensiveren Formen das Hören auf
das Wort als der Grundvollzug von Religion schlechthin. In Anbetracht
dieses Befundes ist es auffällig, daß die grundlegende
Bedeutung des Hörens für das religiöse Selbstverständnis
in der Tradition philosophischer Selbstvergewisserung des Menschen
nicht entsprechend reflektiert ist. Spätestens seit Platon ("Idee")
und fortwirkend bis Lévinas ("Antlitz") wird die
Vergegenwärtigung des letzten Grundes aller Wirklichkeit in der
Beschränkung auf Worte aus dem Phänomenbereich des Optischen
("Schau") beschrieben, der in der religiösen Sprache
noch demjenigen des Akustischen komplementär ist. Wenn das Hören
ein vergessener Ursprungsvollzug des Menschen ist, so finden sich
dessen Spuren am ehesten am Anfang der Denkgeschichte. Und in der
Tat erweist sich der Grund-Gedanke desjenigen Denkers, bei dem auch
das Wort Philosophie erstmals bezeugt ist (adjektivisch; vgl.
Fragment B35), als ein derartiges Zeugnis. Das Denken Heraklits
gestaltet sich als eine in der Geschichte der Philosophie einzigartige
Reflexion auf das Hören als menschlichen Grundvollzug. In den
folgenden Überlegungen soll Heraklits Denkweg als eine derartige
Tiefenphänomenologie des Hörens nachgezeichnet werden.
1. Hören auf das
Selbst
Da die Einzelaussagen eines
Denkers ihren Sinn erst dann offenbaren, wenn sie als Antworten auf
eine ihnen vorausliegende Problemstellung verstanden werden, muß
die Interpretation mit der Identifikation derjenigen Ausgangsfrage
einsetzen, die den Gedankengang als solchen überhaupt erst auf
den Weg bringt. Was Heraklit in einem derart radikalen Sinn fraglich
geworden ist, daß es die Suchbewegung des Denkens not-wendig
machte, benennt er selbst in einem Fragment (B101), das sich deshalb
als Auslegungsschlüssel für das Bedeutungsgefüge seines
gesamten Gedankens erweist: edizesamen emeouton - ich suchte
mich selbst. Die Bestimmung der heraklitischen Philosophie als
Tiefenphänomenologie des Hörens findet bereits in diesem
Spruch darin eine Bestätigung, daß die Angabe des eigenen
Selbst als dem Denken ursprünglich zugrundeliegendes Problem
in ihrem Aussagegehalt erst dann erschlossen werden kann, wenn sie
von einem darin verborgenen Hinweis auf die erste Bedeutungsschicht
des Hörens her verstanden wird. Die ursprüngliche Bedeutung
des Hörens für sein Denken deutet Heraklit im zitierten
Spruch insofern an, als er durch das Wort, mit dem er die auf das
eigene Selbst hin ausgerichtete Suchbewegung beschreibt, zugleich
zum Ausdruck bringt, daß er sein Selbst vorgängig dazu
in einer Weise gehört hat, in der es ihm überhaupt erst
in seiner Fragwürdigkeit vernehmbar wurde. Im frühgriechischen
Sprachgebrauch (vgl. z.B. Herodot VII 142) ist dizemai die
Bezeichnung für die Enträtselung eines Orakelspruches.
Heraklits Aussage, er habe das eigene Selbst als Orakel gehört,
erweist sich bereits dann als ein Hinweis auf den Ausgang seiner Denkbewegung,
wenn man sie zunächst in dem Sinne versteht, daß Heraklit
seine Erkenntnisse nicht vermittelt von anderen übernommen, sondern
unmittelbar aus der Selbsterfahrung geschöpft hat. Indem Heraklit
das Selbst einem Orakel gleichsetzt, deutet er an, wie die tiefsten
Einsichten nicht der Ausschau in fremde Regionen, sondern dem Aushorchen
der Tiefen des eigenen Selbst (vgl. Fragment B45) entspringen.
Schließlich lassen sich aus der orakularen Bestimmung des Selbst
auch Rückschlüsse auf die Heraklits Denken als Erkenntnisquelle
zugrundeliegende Selbsterfahrung ziehen. Heraklit muß das eigene
Selbst in Dimensionen erlebt haben, die denjenigen eines Orakels entsprechen.
Die Konfrontation mit sich selbst muß für Heraklit von
einer gleichartigen Rätselhaftigkeit bestimmt gewesen sein, wie
der Empfang eines Orakelspruches. Im Zusammenhang damit erschließt
sich auch der Sinn des Paradoxes der Selbstsuche: Gleich einem Orakel
hat man das Selbst und hat es zugleich nicht, weil man seine Bedeutung
nicht versteht. An den Analogien aus dem Phänomenbereich des
Orakels kann nun auch erklärt werden, wieso das Selbst für
Heraklit Ausgangsfrage und Erkenntnisquelle zugleich sein kann. Die
zunächst seine Rätselhaftigkeit ausmachende Doppeldeutigkeit
eines Orakelspruches wird dann zum Medium seiner Offenbarung, wenn
sie als die Ausdrucksgestalt seiner verschiedenen Bedeutungsebenen
verstanden wird und so zur Einsicht in verborgene Zusammenhänge
führt.
Die inhaltliche Identifikation der Heraklits Selbsterleben be-stimmenden,
ihm in einer situativen Ge-stimmtheit gleich einer Stimme ihre rätselhafte
Offenbarung zu-sprechenden und daher gleich einem Orakelspruch zu
hörenden Doppeldeutigkeit gelingt im Rückschluß von
ihren Wirkungen. Wenn sie den Menschen zur denkenden Selbstsuche be-wegt,
vermag sie die Selbstverständlichkeit des bedenkenlosen Lebenslaufs
radikal in Frage zu stellen und entspricht so jener in ihrer kata-strophalen
Bestimmtheit den Menschen auf sich selbst zurückwerfenden und
so zur Auseinandersetzung mit sich selbst zwingenden Ver-zweiflung,
in die der Mensch durch die negativen Widerfahrnisse in seinem Leben
versetzt wird. In ihrer Eigenschaft, das Leben in Frage zu stellen,
erweisen sich die negativen Erfahrungen des Menschen mit sich selbst
als verschiedene Intensitätsgrade einer Gegebenheit, die sich
als die Negation des Lebens selbst definiert: der Tod. Heraklit beginnt
zu denken, weil er das eigene Selbst als die rückwendige Ineinanderfügung
der in Lebendigkeit und Tödlichkeit auseinanderstrebenden Zustände
(vgl. B51) er-lebt und in dieser seiner Doppeldeutigkeit als Rätsel-Frage
hört.
2. Hören auf die
Sprache
Die zweite Bedeutungsschicht
des Hörens entdeckt Heraklit in einer Vertiefung der ersten.
Wenn er das eigene Selbst als Orakelspruch hört, vermag Heraklit
auch eine darin verborgen vor-gegebene Wegweisung zur Lösung
seiner Rätselhaftigkeit zu vernehmen. Wie die Botschaft eines
Orakels im genauen Hinhören auf die in seiner Sprachgestalt vermittelten
doppeldeutigen Sinnmöglichkeiten aufgeschlossen werden kann,
erkennt der Mensch sich selbst, indem er die eigene Sprache auf diejenigen
in ihrer offenbaren Erscheinung unscheinbar verborgenen Zusammenhänge
(vgl. B54) hin analysiert, die in ihr nach der Art eines delphischen
Spruches weder direkt ausgesprochen, noch gänzlich verschwiegen,
sondern zeichenhaft angedeutet (vgl. B93) sind. Da der Mensch
in dem Sinne seine Sprache ist, als er sich im Sprechen vollzieht
und verwirklicht, konkretisiert sich Heraklits Schlüsselwort
Ich suchte mich selbst (B101) in der Bedeutung Ich hörte
auf meine Sprache.
Heraklits Fähigkeit, die ungesagten Botschaften der Sprache zu
Gehör zu bringen, vermittelt sich in der Sprachgestalt seines
philosophischen Diskurses, auf die es im interpretatorischen Nachvollzug
seines Gedankens zu hören gilt. Im von seinem Denkweg her geforderten
'Sprachgebrauch' ent-spricht Heraklit den aus der Sprache unter der
Oberfläche ihrer direkten Verlautbarungen herausgehörten
Be-deutungen. Um die Sprache als Bedeutungsträger von in ihr
unausgesprochen mitgeteilten Offenbarungen zu vernehmen, ist sie zunächst
aus der Selbstverständlichkeit ihrer unreflektierten alltäglichen
Verfügbarkeit als Wirklichkeit eigener Art zu Bewußtsein
zu bringen. Dies gelingt Heraklit dadurch, daß er sein eigenes
Sprachwerk als parataktische Aneinanderreihung von syntaktisch mehrdeutig
aufeinander beziehbaren Einheiten gestaltet, die sich in chiastischer
Verkettung, lautlichen Assonanzen und rhythmischer Gliederung gegenseitig
reflektieren. Indem Heraklit damit die sprachlichen Ausdrucksmittel
in einer ihrer unausgesprochenen Bestimmungen bewußten Weise
zum Einsatz bringt, läßt er zugleich die rückwendige
Fügung (B51: palintropos harmonie) als das verborgene
Strukturprinzip der Sprache hörbar werden. Heraklits Sprachanalyse
verwirklicht sich in einer Kehrtwendung der Sprache. Die Sprache muß
sich selbst als Metapher gebrauchen, wenn sie nicht mehr mit ihr selbst
nicht identische Inhalte, sondern ihre eigene Wesenswirklichkeit zum
Ausdruck bringt. Weil sich Heraklits Grund-Worte als die Wesensbestimmungen
der Sprache erschließen, wie sie im Sprachgefüge seines
Diskurses zu Gehör kommen, sagt in ihnen die Sprache, was sie
selbst ist: All-Einheit, Zusammenfassungen (syllabe = Silbe!),
prächtiges Ordnungsgefüge (Kosmos!), Maß,
Fluß (Rhythmus!), Immerlebendigkeit (vgl. B50, 10,
30, 31, 12). Im Hören auf die in der Sprache unausdrücklich
zum Ausdruck gebrachten Be-deutungen (vgl. B93) verwirklicht sich
Heraklits Denken als der Selbstbewußtwerdungsprozeß der
Sprache, denn in seinem Werk vermitteln sich sprachliche Darstellungsform
und gedanklicher Aussagegehalt gegenseitig.
Die Grund-Intention von Heraklits Hören auf die Sprache konzentriert
sich in seiner Aneignung der Wortes Logos. An ihrer eigenen Bezeichnung
vermag Heraklit die Sprache zum Bewußtsein ihrer selbst zu bringen,
indem er deren Bedeutungskonnotationen im alltäglichen frühgriechischen
Sprachgebrauch in einer Weise zu hören versteht, die ihre unter
den oberflächlichen Differenzen unscheinbar verborgene Einheit
vernimmt: Seiner Wortwurzel nach entspricht das griechische Wort legein
dem deutschen legen und bedeutet so ursprünglich (und
beispielsweise noch bei Homer, Il. 24,793) das Zusammenbringen
(vgl. Fragmente B10, 51) dessen, was seiner natürlichen Beschaffenheit
nach immer schon zusammengehört. Als Ausdruck für die in
dieser Tätigkeit vorausgesetzte Ordnungsstruktur wird Logos zur
Bezeichnung für das in der Verhältnishaftigkeit der
Wirklichkeit vor-gegebene Maß (vgl. B31). In seinen Bedeutungen
von zählen (vgl. Homer, Od. 4,450) und rechnen
(ratio!) beschreibt legein die von der menschlichen Denkfähigkeit
zu leistende Wiedergabe eines vorliegenden Zusammenhanges, die aus
allem eins und aus einem alles (B10) macht. Vergleichbar mit dem
deutschen Er-zählen wird Logos so zum Ausdruck für
eine der Reihenfolge ihres Zusammenhanges folgende sprachliche Darstellung
von Sachverhalten (z.B. Homer, Il. 15,393). Von daher eignet sich
das Wort schließlich als Titel für Berichte und Abhandlungen
mit wissenschaftlichem Anspruch (vgl. B1, 108). Der aus dem Wort Logos
von einem auf die verborgene Einheit seiner offenbaren Be-deutungen
achtenden Hören zu vernehmende Zusammenhang der Sinnebenen von
Sprache, Denken und Ordnungsgefüge der Wirklichkeit kann im Deutschen
annähernd durch die etymologisch fundierte Übersetzung Darlegung
wiedergegeben werden.
Der Denker vermag die Erlebensmomente als Tiefenphänomene zu
hören, unter deren Oberfläche sich eine verborgene Bedeutung
offenbart, die aus ihnen gleich einem Orakel als die physis
zu vernehmen ist. Heraklits Aneignung des Wortes physis ist
ein hervorragendes Ergebnis seines Vermögens, in den differenten
Sinnkonnotationen von dessen Gebrauch in der alltäglichen Sprache
einen ungesagten Zusammenhang zu hören. Homer (Od. 10,302ff)
bezeichnet die Beschreibung eines aus der Erde gezogenen Krautes von
dessen Wurzel bis zur Blüte als der Physis gemäß,
meint damit also die natürliche Beschaffenheit eines Dinges.
Noch Aristoteles (Met. 1014b16) versteht das Wort auf dem Hintergrund
seiner etymologischen Ableitung von phyesthai im Sinne von
lebendigem Hervorkommen. Heraklit hört beide Verwendungen
als Bedeutungsschichten einer tieferen Sinneinheit und denkt sie in
der Einsicht zusammen, daß sich die natürliche Beschaffenheit
eines jeden aus dessen lebendigem Hervorkommen bestimmt. Wie sich
letzteres gleich einer Wurzel dem oberflächlichen Aufscheinen
entzieht, bleibt auch das, was etwas eigentlich ist, versteckt: Das
Daher-Wesen (Physis) beliebt, sich zu verbergen (B123). Da das
in der Lebendigkeit verborgene Hervorkommen dasjenige ist, von woher
ein jegliches ins Leben tritt, erweist sich schließlich der
Tod als die versteckte (Herkunfts-)Bestimmung der Lebendigkeit eines
jeden Wesens.
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Etwas gemäß
seinem Daher-Wesen zu zer-gliedern (B1), bedeutet daher, das im
lebendigen Aufscheinen verborgene Verhältnis zum Tod zu vernehmen
und so auf das immerlebendige Leben-Tod-Gefüge zu hören, als
welches die Wirklichkeit sich darlegt.
Das Ergebnis von Heraklits Hören auf die Sprache vermittelt
sich in seinen einander reflektierenden Aussagen, daß das,
dem gemäß alles entsteht, der Logos ist, und das,
dem gemäß alles zergliedert wird, die Physis ist, mit
denen Heraklit zugleich seinen Grund-Gedanken der Entsprechung von Logos
und Physis und damit der Verschränkung von Sprache und Wirklichkeit
hörbar werden läßt: Die immerlebendige Fügung der
Wirklichkeit geschieht deshalb dem Logos entsprechend, weil die Sprache
der in der Physis vorliegenden Darlegung ent-spricht.
3. Hören auf den
Logos
Die in den zuletzt interpretierten
Fragmenten indirekt angedeutete Rückgründung des menschlichen
Selbstvollzugs in der vernünftigen Rede im den Bedeutungszusammenhang
der Wirklichkeit vernehmenden Hören bringt Heraklit in jenem Spruch
ausdrücklich zur Sprache, in dem es ihm wie in keinem anderen gelingt,
die einzelnen Momente des Denkweges seiner Tiefenphänomenologie
des Hörens in der Konzentration auf die Einheit ihres Grundgedankens
zu vermitteln: Nicht auf mich, sondern auf die Darlegung (Logos)
gehört habend, ist es weise, zu entsprechen (homo-logein): eines
alles. (B50). In diesem Fragment erschließt sich die Denkbewegung
Heraklits insofern in ihrer Vollendung, als er hier die einzelnen Wegmarken
seiner Reflexion auf den menschlichen Grundvollzug von ihrem Anfang
beim Selbst bis zu ihrem Abschluß bei der All-einheit in ihrer
Bezogenheit auf die den Spruch syntaktisch tragende Wendung es ist
weise aneinanderfügt, in der er inhaltlich die Antwort auf
die ihn ursprünglich zum Denken bewegende Selbstinfragestellung
findet.
Das in seiner Philo-sophie (vgl. B35) als Ziel angestrebte Weise-sein
(vgl. B32, 41, 108: sophon) konzipiert Heraklit, indem er die
im zeitgenössischen Sprachgebrauch damit verbundenen Bedeutungsmomente
im Zusammenhang des eigenen Denkens versteht. Im ursprünglichsten
und zugleich konkretesten Sinn bezeichnet das Wort eine handwerklich-technische
Fertigkeit (vgl. z.B. Homer, Ilias 15,411f). Mit der Verselbständigung
der darin implizierten Sinnkonnotation des Sich-Verstehens auf schwierig
durchschaubare Zusammenhänge wurde seine ursprünglich praktische
Bedeutung auf die Lebensführung insgesamt ausgeweitet. Als Ausdruck
für die Kunst des (Über-)Lebens inmitten der Bedingtheiten
der Welt durch die Ein-sicht in deren Verhältnisse erhielt die
sophie ihre Bestimmung einer nicht auf Einzelgegenstände,
sondern auf Gesamtzusammenhänge bezogenen Erkenntnis.
Die Bestimmungsmomente des eigenen Verständnisses des Weisen und
damit seine Über-Lebens-Einsichten läßt Heraklit nun
nicht dem Wort in der Art einer Definition folgen, sondern setzt sie
ihm in einer Anordnung voran, in der zugleich der Weg zur Verwirklichung
des Weisen und darin zur Bewältigung des Lebens zur Darstellung
kommt. Indem Heraklit den Beginn des Spruches als von einem Partizip
im Aorist abhängige Konstruktion formuliert, bringt er bereits
auf der Ebene der sprachlichen Vermittlungsgestalt zum Ausdruck, daß
das Weise-sein und damit der Lebensvollzug des Menschen von einer tragenden
Vorbedingung her ermöglicht ist. Diese benennt er als ein Hören,
das seine Bestimmung aus dem ihm seinerseits - wiederum im Aufbau des
Fragmentes wie der Sache nach - voraus-gesetzten Quellgrund erhält.
Wie das von ihm in seiner Ursprünglichkeit für das Leben entdeckte
Hören im Hinblick auf seinen eigenen Ursprung über das nach
der geläufigen Vorstellung diesbezüglich Begegnende hinausgeht,
macht Heraklit zunächst dadurch deutlich, daß er die gewöhnlich
geltende Identifikation des letzten Bezugspunktes des Hörens mit
der lautlich artikulierten Rede eines bestimmten Menschen verneint.
Die von Heraklit intendierte Umorientierung der oberflächlichen
Ausrichtung des Hörens auf seinen verborgenen Quellgrund gewinnt
ihre Radikalität nun darin, daß Heraklit die Forderung, nicht
auf die Verlautbarungen irgendeines Menschen zu hören, nicht etwa
in ihrer allgemeinen Form, sondern mit ausdrücklichem Bezug auf
sich selbst zur Sprache bringt. Die Fragment B50 eröffnende
Wendung nicht auf mich offenbart ihre Bedeutung im Gesamtzusammenhang
des heraklitischen Denkens, wenn man sie als die auf dem Weg zum Weise-sein
entdeckte abschließende Entsprechung zum der Denkbewegung Heraklits
anfanghaft zugrundeliegenden ich suchte mich selbst von Fragment
B101 versteht, denn diese beiden Aussagen stellen die Spannungsmomente
dar, zwischen denen sich Heraklits Denkweg erstreckt. Seine Selbstsuche
gelangt deshalb mit der Abweisung vom eigenen Selbst ans Ziel, weil
darin die Einsicht zum Ausdruck kommt, daß der Mensch in seinem
Selbstvollzug auf die vorgängige Erschlossenheit seines ihm selbst
nicht verfügbaren Grundes verwiesen ist, in dem er mit seinem Ursprung
auch sich selbst findet. In den Worten nicht auf mich deutet
Heraklit die seinem Denken eigene Einsicht an, daß die in der
vernünftigen Rede (B114) zur Sprache kommende Einsicht
niemals eine private ist, sondern sich im Grunde stets dem allen
gemeinsamen Logos (vgl. B2) verdankt, den Heraklit im folgenden
als dasjenige bewußt macht, auf das es anstelle seiner Person
auf dem Weg zum Weise-sein zu hören gilt.
In der Rede vom Hören auf den Logos vermitteln sich die
Grund-Worte des heraklitischen Denkens aus der Einheit ihrer den verschiedenen
Stationen einer Tiefenphänomenologie des Hörens entsprechenden
Bedeutungsebenen. Wenn als deren erste wie bei den Fragmenten B1 und
B34 das Vernehmen von Heraklits Diskurs zu bestimmen ist, so ist im
vorausgesetzten nicht auf mich angedeutet, daß darin nicht
irgendeine Privateinsicht (B2) zu Wort kommt. Diese Ebene konnte
Heraklit in seinem Denken übersteigen, indem er sich gemäß
der zweiten Bedeutungskonnotation des Hörens auf den Logos in einem
Aushorchen der eigenen Sprache auf die in ihr verborgen gegebenen Winke
über sich hinausführen ließ. Die Sprache verweist den
ihr auf den Grund Gehenden auf die tiefste Sinnebene des dem Logos geltenden
Hörens: Schließlich be-zeichnet es das Vernehmen des in jedem
gesprochenen Wort ungesagt zur Sprache kommenden Bedeutungszusammenhangs
der Wirklichkeit.
Im Hinblick auf seine Rückgründung im Hören auf den Logos
bringt Heraklit den menschlichen Selbstvollzug in Fragment B50 durch
das Wort homologein (ent-sprechen) zur Sprache, das es in der
Einheit seiner verschiedenen Sinnebenen zu hören gilt. Zunächst
bezeichnet das Wort das Ein-vernehmen mit dem von Heraklit in seinem
Diskurs Dargelegten. Da letzteres aber nicht die Privateinsicht Heraklits
ist, gilt die diesem entgegengebrachte An-erkennung der darin zur Sprache
gebrachten allen gemeinsamen Einsicht. Als Ausdruck für die verständige
Aufnahme von Heraklits Darlegung be-zeichnet das homologein also
zugleich das Ein-verständnis der Einsichtigen im allen gemeinsamen
Logos. Hört man aus dem Wort die auf die Sprache bezogene Sinnkonnotation
von Logos heraus, so verweist es auf die Herkunft der von Heraklit in
seinem Diskurs dargelegten Einsicht aus dem Aushorchen der Sprache auf
die in ihr andeutungsweise gegebenen Winke in unscheinbare Zusammenhänge.
Mit der Entdeckung des in der Sprache ungesagt zu Wort kommenden Bedeutungszusammenhangs
der Wirklichkeit offenbart sich zugleich der verborgenste Sinngrund
des homologein: Da das verhältnishaft strukturierte Wirklichkeitsgefüge
in seiner Bestimmung als Ermöglichungsbedingung des menschlichen
Selbstvollzugs in der vernünftigen Rede Logos ist, be-zeichnet
das homologein schließlich den in jedem Sprechakt voraussetzungshaft
gegebenen Rückbezug auf den verborgenen Quellgrund der Sprache.
Im homologein bestimmt sich die Sprache aus dem Bewußtsein
ihrer Verwiesenheit auf die vorgängige Erschlossenheit ihres Ursprungs.
Unter Berücksichtigung der im homologein vermittelten Bedeutungsvielfalt
kann nun die syntaktisch davon abhängige Schlußformel von
Fragment B50 interpretiert werden: Versteht man das homologein
im Sinne des Ein-verständnisses der Einsichtigen mit Heraklits
Darlegung, so beschreibt das eines alles die Einsicht, in der
dieses begründet ist. Da Heraklit die All-Einheit in einem Hören
auf die Sprache als deren verborgenes Strukturprinzip entdeckt, ist
darin die diesbezügliche Sinnkonnotation des homologein
mit angesprochen. Infolge seiner Identifikation mit dem Bestimmungsgrund
der Sprache bezeichnet das eines alles schließlich den
in jedem Wort ungesagt mit ausgesprochenen Bedeutungszusammenhang der
Wirklichkeit. Daß dieser der in der dritten Sinnkonnotation des
homologein implizierte Bezugsgrund ist, deutet Heraklit an, indem
er in der Beschreibung von dessen Struktur in Fragment B51 dasselbe
Wort aufgreift (diapheromenon...homologeei) und dadurch auf die
Bestimmung der in ihrer Verhältnishaftigkeit sprachlich darlegbaren
Wirklichkeitsstruktur als den vom Menschen im homologein als
seinem Selbstvollzug ursprünglich gehörten Logos anspielt.
Fragment B51 ist für das Verständnis der in B50 als Ermöglichungsgrund
des homologein entdeckten All-Einheit auch deshalb relevant,
weil diese hier mit der rückwendigen Fügung wie von Bogen
und Leier identifiziert wird. Darin ist angedeutet, was sich in
der rückwendigen Verhältnisstruktur der Wirklichkeit ineinanderfügt:
Bogen und Leier be-zeichnen als Attribute des Gottes Apoll Leben und
Tod. Da in Anbetracht dieser Bestimmung des eines alles das homologein
schließlich die Einfügung des Menschen in das immerlebendige
Leben-Tod-Gefüge der Wirklichkeit be-deutet, ist damit der im Weise-sein
aufgegriffene Bezug auf die Lebensbewältigung durch Heraklits Denken
vermittelt: Heraklits Weisheit besteht in der mittels der Selbstreflexion
des Menschen gewonnenen Ein-sicht in seine ursprüngliche Verwiesenheit
auf die rückwendige Ineinanderfügung von Leben und Tod, der
ge-horsam zu ent-sprechen dem Menschen in seinem Leben als Bestimmung
(vgl.B119: ethos) aufgegeben ist.
Die Annahme der Leben-Tod-Fügung der Wirklichkeit als desjenigen,
auf das es im zum Weise-sein führenden homologein zu hören
gilt, findet darin eine Bestätigung, daß in Fragment B112
- wenn auch in zweifelhafter Textgestalt, so doch dem Gedanken nach
genuin heraklitisch - die Weisheit ausdrücklich als der im Hinhören
auf die Physis gegründete menschliche Selbstvollzug in Reden
und Handeln bestimmt wird. Die bereits in B1 angedeutete Ent-sprechung
zwischen Logos und Physis ergibt sich schließlich aus dem Zusammenhang
der Fragmente B123 und B93, der im beiden gemeinsamen Wort verbergen
angedeutet ist: Die sich zu verbergen liebende Physis von B123
wird in B93 mit der weder ausgesprochenen (oute legei), noch
verborgenen (oute kryptei), sondern sich vielmehr zeichenhaft
mit-teilenden Be-deutung (alla semainei) identifiziert, die in
der vernünftigen Rede des Menschen voraussetzungshaft gehört
wird. Heraklits Tiefenphänomenologie des Hörens findet ihren
Zielgrund in einer Logik mit Sigetik vermittelnden Semantik.
Schlußgedanke: Die
tiefere Bedeutung des Hörens
Mit dem Ergebnis von Heraklits
Tiefenphänomenologie des Hörens lassen sich nun die Grundzüge
des Hörens insbesondere im Hinblick darauf zu Bewußtsein
bringen, wie sie sich von denjenigen des Sehens unterscheiden. Während
das Sehen desto vollkommener sich verwirklichen kann, je statisch-bewegungsloser
das von ihm Gesichtete ist, bleibt das Hören wesenhaft auf eine
Wirklichkeit bezogen, die sich in lebendiger Dynamik auf es zu bewegt.
Von daher ist dem Sehen die Tendenz auf einen jeder Veränderlichkeit
enthobenen meta-physischen Bereich eigen, wohingegen das Hören
den aus der Tiefe des Offenbaren als die verborgene Physis sich
zusprechenden Logos (vgl. B45: bathys logos) vernimmt. Das Hören
ist die Erkenntnisquelle eines bathy-physischen Denkens. Wird
das Hören als der menschliche Grundvollzug begriffen, so erweist
sich die höchste Aktivität des Menschen im Grunde als ein
den Menschen in An-spruch nehemendes passives Empfangen von etwas frei
Sich-Mitteilendem. Der Bezug des Menschen zu seinem Grund offenbart
sich so als ein gegenseitiges Lieben (vgl. B123, 35), das ereignishafte
Geschehen von Zu-spruch und Ant-wort, in dem sich beide einander zueignen.
Martin Thurner
| Dr. Martin Thurner
ist Privatdozent für Christliche Philosophie an der Katholisch-Theologischen
Fakultät der Ludwig-Maximillians-Universität München.
Seine Dissertation Der Ursprung des Denkens bei Heraklit ist
2001 in der Reihe Ursprünge des Denkens bei Kohlhammer
erschienen. |
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