Die
Staatslehre Montesquieus (1689-1755)
Montesquieu, eigentlich Charles
de Secondat, Baron de La Brède et de Montesquieu, war französischer
Schriftsteller, bedeutender Rechts- und Staatsphilosoph und gilt allgemein
als erster französischer Aufklärer. Geboren wurde er 1689
im Schloss La Brède bei Bordeaux. Er starb 1755 in Paris.
Montesquieu stammte aus einer
wohlhabenden Familie, setzte zunächst deren juristische Tradition
fort (1714 Parlamentsrat, 1716-1726 Parlamentspräsident in Bordeaux)
und war zugleich literarisch tätig (z.B. "Lettres persanes").
Seit 1726 in Paris, wurde er 1728 Mitglied der Académie Française,
bevor er sich auf eine vierjährige Europareise begab (u. a. 1729-1731
in England). Die Krönung seines Lebenswerkes erreichte er mit der
staats- und kulturphilosophischen Schrift "De l'Esprit des lois"
(Vom Geist der Gesetze, 1748), die bis heute einer der bedeutendsten
staatstheoretischen Abhandlungen geblieben ist.
Das Wort loi (Gesetz) stiftet
die formale Einheit des Werkes, es wird in unzähligen rapports
(Bezügen) dargestellt. Dabei sind nicht die eigentlichen Gesetze
in ihren rapports, also ihren Abhängigkeiten und Bezügen,
dargestellt, sondern vielmehr findet Montesquieus Gesetzesbegriff selbst
in rapport und relation (Beziehung) seine Einheit und seinen ideellen
Grundsatz.
Montesquieu zeigt zunächst
anhand einer Fülle von positiven Gesetzen der Geschichte und Gegenwart
auf, dass zum einen die Rechtsordnung eines Landes nach lois principales
und lois accessoires (haupt- und nebensächlichen Gesetzen) einen
sinnvollen Zusammenhang bildet, zum anderen, dass in jedem Land eine
Entwicklung stattfindet, welche neue Gesetze im Zusammenhang der jeweiligen
Ordnung entstehen lässt.
Im zweiten Sinne wird loi
hier als loi naturelle verwendet. Demnach existiere eine Norm, ein Urbild,
nach dem alle positiven Gesetze gebildet sind. Dieses Naturrecht wird
hier nicht als strenges System verstanden, sondern Montesquieu versucht,
die soziale Welt zu verstehen, ohne sie dabei abzuwerten oder nach festgelegten
Prinzipien umzugestalten. Anerkenntnis, Erklärung und Verstehen
des Vielfältigen und Besonderen auf der einen Seite, sowie das
Festhalten an der Menschenwürde andererseits machen den Humanismus
Montesqiueus aus.
Der dritte Gesetzesbegriff
aber macht die Modernität des Gesamtwerkes aus, denn er beschreibt
in naturwissenschaftlich-deskriptiver Weise Ursache und Wirkung. Dieser
naturalistische und deterministische Ansatz wird der Naturwissenschaft
entnommen und auf die Erklärung der sozialen Welt, der positiven
Gesetze und der Sitten und Einrichtungen der Völker anzuwenden
versucht. La Nature des choses (die Natur der Dinge) erklärt für
Montesquieu alles, aber neben diesen blind-kausalen Zusammenhängen
verbirgt sich die Urvernunft einer einsehbaren Ordnung und vernünftiger
Wesen, die Montesquieu nicht seinem Kausalverständnis opfern wollte.
Vernunftgesetz und Naturgesetz ergänzen sich demnach bei Gründung
und Aufbau der organisierten menschlichen Gesellschaft.
Montesquieu sucht die Vielfalt
der geschichtlichen Phänomene zu verstehen, indem er nicht nur
ihre Bedingungen erforscht, sondern sie vor allem ihren Merkmalen nach
drei Typen zuordnet. Im Esprit des lois werden die drei klassischen
Staatsformen Republik, Monarchie und Despotie definiert und einander
gegenüber gestellt. Die Republik zeichnet sich durch die Herrschaft
des Volkes oder zumindest eines Volksteiles aus. In der Monarchie ist
es einer, der nach feststehenden Gesetzen regiert und in der Despotie
regiert einer nach seiner Laune und Willkür. Jeder Staatsform wird
jeweils ein Grundprinzip zugeordnet, aus denen sie ihre Gesetze ableitet:
die Republik, in Demokratie und Aristokratie unterteilt, beruhe im ersten
Fall auf vertu (Tugend), im zweiten vor allem auf modération
(Mäßigung). Die Monarchie kennzeichne honneur (Ehre), die
Despotie dagegen werde von der crainte (Furcht) zusammengehalten. So
stellt Montesquieu eine Verbindung zwischen politischer Struktur und
zwischenmenschlichen Beziehungen her.