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Grundlegung
zum Gebet und das Gebet des einzelnen Menschen
Grundlage: Die den Menschen voll und ganz bestimmende Beziehung
zu Gott
Wenn wir über das
Gebet nachdenken, müssen wir den betenden Menschen und Gott gleichermaßen
in die Überlegungen einbeziehen. Als Menschen können wir
beide nicht getrennt von einander betrachten, denn der Mensch ist
nach christlicher Überzeugung göttliches Geschöpf.
Gott hat den Menschen geschaffen. Damit ist der Mensch voll und ganz
auf Gott bezogen. Der Mensch ist damit von Gott auf Gott hin angelegt.
Von daher ist der Mensch ohne Gott nicht denkbar. Das Verständnis
des Menschen als Geschöpf Gottes ist zwar schon eine wichtige
Einsicht in das Wesen des Menschen, doch sie ist noch nicht ausreichend.
Das Geschöpf könnte dem Schöpfer so gleichgültig
sein, wie dem Töpfer seine verkauften Töpfe, an die er nicht
mehr denkt. Bei einem solchen Gott-Mensch-Verhältnis wäre
das Gebet als "Form der Kommunikation" nicht wahrscheinlich,
da keine Beziehung zum Schöpfer mehr bestünde. Doch nach
christlichem Verständnis ist die Beziehung tiefer. Der Mensch
ist Gott nicht gleichgültig. Gott hat zum Menschen ja gesagt.
Er, der nach dem 1. Johannesbrief Liebe ist, hat den Menschen aus
Liebe geschaffen. Er macht Menschen zu seinen Kindern. Das ändert
die Situation. Es gibt so etwas wie eine Beziehung zwischen Mensch
und Gott. Eine echte Beziehung, die über das bloße Geschöpf-sein
hinausgeht. Eine Beziehung, die wir am ehesten mit den zwischenmenschlichen
Beziehungen vergleichen können, die aber im Prinzip viel tiefer
und enger ist. Diese Beziehung macht den Menschen letztendlich aus,
und ist seine eigentliche Bestimmung. Der Mensch ist dazu gemacht
Kind Gottes zu sein.
Das freie Gebet des Einzelnen
Vor dem Hintergrund dieser
Mensch-Gott-Beziehung wird das Gebet des individuellen Menschen zu
Gott eine Selbstverständlichkeit. Wenn unsere eigentliche Bestimmung
die Begegnung mit Gott ist, dann ist es eine Selbstverständlichkeit,
dass wir den Kontakt mit ihm pflegen. Bei einem guten Vater - und
von dem spricht Christus oft - braucht man keine Angst haben, ihn
anzusprechen. Es gibt viele Möglichkeiten Gott anzusprechen.
Z. B. kann man ihm die persönlichen Sorgen mitteilen. Dies betrifft
unsere tiefste Sehnsucht, die Sehnsucht nach der Geborgenheit bei
Gott. Das kann aber schon bei den alltäglichen Sorgen beginnen.
Das wirkt für viele naiv. Das wirkt für viele kindisch Das
kann sich aber voll und ganz auf den Herrn stützen. Denn wenn
er seine Jünger auffordert zu beten, vergleicht er das ausdrücklich
mit den Bitten an den irdischen Vater um Nahrung. Er sagt:
"Bittet, dann wird
euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird
euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht,
der findet, und wer anklopft, dem wird geöffnet. Oder ist unter
euch ein Vater, der seinem Sohn eine Schlange gibt, wenn er um einen
Fisch bittet, oder einen Skorpion, wenn er um ein Ei bittet?"
(Lk 11, 9-12)
Auch das Vater Unser enthält
die Bitte um das tägliche Brot. Das meint auch das geistliche
Brot, aber zunächst das tatsächliche. Selbst dieses ganz
einfache, naiv wirkende Bitten ist viel komplexer, als es zunächst
den Anschein hat. Das, um was gebetet wird, ist nur ein Aspekt von
vielen. Wenn wir nun um etwas bitten, erleben wir oft, dass Gebete
nicht erhört werden. Oft genug liegt mit etwas Abstand klar auf
der Hand, dass es gut so war. So sehr ich es vielen gönnen würde,
nach dem Lotto-Jackpott im Süden am Strand im Liegestuhl auszuspannen,
so sehr bezweifle ich, dass das für diese Menschen wirklich die
beste Lösung ist wäre. Manchmal bitten die Menschen unwissentlich
selbst um die vorher erwähnten Schlangen und Skorpione. Die gibt
uns Gott zum Glück selbst dann nicht automatisch, wenn wir darum
bitten. Vor diesem Hintergrund können wir die Vater-Unser-Bitte
"Dein Wille geschehe" verstehen. Diese Bitte und die damit
verbundene Haltung gehört nämlich ganz zentral zum christlichen
Gebet dazu. Die Erfüllung der Bitte wird dem Willen Gottes zu
überlassen. Gott kennt uns besser als wir. Wir können ihm
vertrauen.
Aber es gibt Fälle,
in denen es schwer ist zu verstehen, dass Gott eine Bitte abschlägt.
Wir beten für Kranke, und doch lässt Gott es zu, dass sie
sterben. Wir beten um Frieden und es gibt Krieg. Auch Christus musste
erleben, dass seine Bitten von Gott nicht erhört wurden. Er betet
am Ölberg, dass der Kelch an ihm vorübergehen möge,
wenn es nur Gottes Wille sei. Dennoch wurde er gekreuzigt. In solchen
Situationen verstehen wir Gott nicht und vertrauen ihm dennoch. Für
Christus folgte auf Tod und Kreuz die Auferstehung. So wie das kleine
Kind den Vater oft nicht versteht, so können wir den himmlischen
Vater - der viel weiter über uns steht und uns doch zugleich
viel näher ist - oft nicht verstehen. Doch das nicht-verstehen
ist kein Grund auf die Bitten zu verzichten. Es bleibt nur das Vertrauen
auf den Gott, der zuhört und mehr tut, als wir auch nur erahnen
können. Wir können nicht darauf bauen, dass Gott unsere
Bitten erhört, aber darauf vertrauen, dass er sie hört.
Möglicherweise ist die Einübung des kindlichen Vertrauens
in unseren göttlichen Vater der eigentliche Zugang zum Verständnis
des Bittgebets. Wir üben unsere Beziehung zu Gott ein. Wir gehen
sogar noch darüber hinaus. Wir verwirklichen im Gebet unsere
Beziehung zu Gott. Mit dem Beten für andere, nehmen wir die anderen
Menschen mit in diese Beziehung hinein. Es geht nicht nur um uns selbst,
sondern auch um die anderen. Das gilt eben nicht nur für das
Handeln mit den Händen, sondern auch und gerade für das
Gebet. Das Gebet für die Toten schließt auch diese mit
ein. Hier muss man allerdings anmerken, dass hier in den verschiedenen
Konfessionen unterschiedliche Auffassungen gibt. Gerade die Protestanten
sind zumindest offiziell damit vorsichtig. Welchen Einfluss dies allerdings
dort auf das Gebet der Einzelnen hat, sei dahingestellt. Die theologischen
Gründe für diese Vorsicht, sind zu kompliziert um hier näher
erörtert zu werden. Ich fahre deshalb fort, ohne auf sie näher
einzugehen.
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Vor dem Hintergrund unserer
Beziehung zu Gott kann man auch andere Aspekte unseres Betens sehen.
Der Dank an Gott. Es passt dazu, dass wir von ihm beschenkt werden.
Er hat uns unser Leben und alles, was wir haben, geschenkt. Unser Dank
ist der Versuch einer Antwort darauf. Oft wird uns dieses Beschenkt-werden
oft im Danken erst bewusst. Der Dank ist also zugleich eine Hilfe, das
zu erkennen, was Gott tut, wie auch unsere Antwort auf sein Handeln.
Indem wir Gott preisen, nähern wir uns der Herrlichkeit Gottes.
Wenn wir ohne Worte beten, dann realisieren wir damit, dass die Beziehung
nicht nur aus dem Gesprochenen besteht, sondern dass diese Gemeinschaft
tiefer geht.
Das Gebet des Einzelnen
mit festen Texten
Das Alles gehört zum
freien Gebet, für dass es keine festen Texte gibt. Aber es gehört
auch zum persönlichen Gebet mit festen Texten. Davon gibt es sehr
viele. Angefangen mit dem "Vater Unser", dem wichtigsten christlichen
Gebet überhaupt. Ein Gebet, dessen Bedeutung wir vorher schon ansatzweise
kennen gelernt haben. Außerdem gibt es weitere bedeutende Grundgebete.
Seien es weitere biblische Gebete, wie das Benedictus, Magnificat und
Nunc Dimittis oder altkirchliche Gebete, wie das Te Deum. Darüber
hinaus natürlich auch unzählige weitere Gebete aller Zeiten.
Das Beten mit festen Texten
mag manchmal eine Gefahr darstellen. Man kann sie nämlich einfach
"herunterbeten". Wer, der regelmäßig feste Gebete
verwendet, kennt dieses Problem nicht Im Gottesdienst geht es uns ja
auch oft genug genauso. Zugleich sind sie aber auch eine ungeheure Bereicherung.
Sie bringen in unsere Beziehung mit Gott Aspekte hinein, auf die wir
nie selber gekommen wären. Diese Gebete können eine Brücke
zu einer viel tieferen und reichhaltigeren Gottesbeziehung werden, als
wir es ohne sie je erreichen könnten. Es mag durchaus sein, dass
man ohne feste Gebete zu einem Gebetsleben kommt, aber es wird damit
ärmer sein. Es geht ja nicht um die Ersetzung der frei formulierten,
oder auch wortlosen, durch die festen Gebete, sondern es geht um eine
gegenseitige Ergänzung. Beide sind keine Konkurrenz. Beide ergänzen
sich gegenseitig.
Es gibt noch einen Grund
dafür, auch feste Gebete zu verwenden. Er liegt tief im Wesen des
Menschen: der Mensch ist kein Einzelwesen, dass völlig getrennt
von den anderen betrachtet werden könnte. Gott hat schließlich
nicht einen Menschen geschaffen, der vor ihm stände, sondern eine
ganze Menschheit. Die vielen einzelnen Menschen gehören zusammen.
Sie sind eine Gemeinschaft. Oder zumindest sind sie darauf angelegt
eine Gemeinschaft zu sein. Unser Gebetsleben macht das schon im persönlichen
Gebet in der Verwendung fester Gebete sichtbar. So verwenden wir z.
B. beim Magnificat einen Text, der der Tradition nach Maria zugeschrieben
wird und der jedenfalls sicher ein sehr alter christlicher Text ist.
Wenn wir beten, beten wir demnach mit den Worten, die Maria mit Hilfe
des Geistes Gottes formuliert hat, die dann überliefert wurden,
von Lukas aufgeschrieben wurden und uns weiterüberliefert wurden.
Und dies über fast 2000 Jahre, in denen dieses Gebet durchgehend
verwendet wurde. Wir sind also Teil von eines 2000-Jahre währenden
beten. Die Worte, die wir haben, haben wir durch die Beteiligung von
unzähligen Menschen durch die Zeit hinweg. Es ist eine Gemeinschaftsaufgabe.
Es zeigt, dass wir mit der Individualität des Menschen nur die
eine Seite seines Wesens sehen. Das eingebettet sein in die Gemeinschaft
mit den anderen Menschen ist genauso wichtig. Und die Gemeinschaft mit
Gott ist noch wichtiger. Und diese Gemeinschaft mit Gott und den Menschen
wird schon durch die Verwendung der alten Gebete demonstriert. Übrigens
steht das neuen Gebeten nicht entgegen. Wenn wir ein Gebet formulieren
oder gar schreiben, dass anderen hilft, bringen wir uns noch stärker
in dieses große Gemeinschaftswerk Gottes und der Menschen ein.
Nun kann man das Gebet mit
Reden und Nachdenken, es nur ein wenig verstehen. Wirklich verstehen
kann man es nur, wenn man betet. Dazu möchte ich ermuntern.
Thomas Gerold
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