Die
Theologie von Rowan Williams
Durch die Ernennung von Rowan
Williams zum Erzbischof von Canterbury geriet sein Name weltweit in
die Schlagzeilen. Davor schon war er innerhalb von Wales durch seine
Ämter als Bischof von Monmouth und Primas von ganz Wales bekannt.
Doch schon vor seiner Karriere als Bischof war Williams als Theologe
alles andere als unbekannt.
Gleich nach seinem Theologiestudium
in Cambridge promovierte er über das Russische Christentum. Nach
seiner Weihe schloß sich eine Tutorenstelle an. Danach wurde er
"Lecturer" in Cambridge, ehe er als "Lady Margaret Professor
of Divinity" nach Oxford berufen wurde.
Williams Werk ist von einer
erstaunlichen Breite. Insbesondere, wenn man bedenkt, daß schon
im Alter von 42 seine theologische Arbeit durch die Wahl zum Bischof
stark eingeschränkt wurde.
Zunächst einmal konnte
er für sein systematisches Arbeiten gute kirchengeschichtliche
Grundlagen legen. In seinem 1987 erschienenen Werk "Arius. Heresy
and Tradition" setzt er sich eingehend mit dem wohl bedeutendsten
Häretiker überhaupt auseinander. Die Beschäftigung mit
Arius muß zugleich eine Beschäftigung mit den Grundfragen
der Theologie sein. Denn gerade die Auseinandersetzung mit dessen Theologie
war grundlegend für die im Konzil von Nizäa erfolgte Formulierung
zentraler christlicher Glaubenswahrheiten. Williams untersucht den geschichtlichen,
theologischen und philosophischen Kontext und denkt auch über Konsequenzen
für die gegenwärtige Theologie nach.
Ein Anzeichen für die
Anerkennung von Rowan Williams kirchengeschichtlichen Qualitäten
ist die Tatsache, daß er 1989 die Festschrift für Henry Chadwick
herausgab. Chadwick ist einer der herausragendsten und bekanntesten
Kirchengeschichtler des 20. Jahrhunderts. Seine Festschrift herauszugeben
ist keine Selbstverständlichkeit.
In "The Wound of Knowledge"
untersucht Williams die christliche Spiritualität vom Neuen Testament
bis zum großen spanischen Mystiker Johannes vom Kreuz. Dieses
Werk ist nicht rein historisch, sondern die jeweilige Spiritualität
wird immer theologisch reflektiert und damit auch für heute fruchtbar
gemacht. Das verdient Beachtung.
Neben dieser allgemeineren
Beschäftigung mit christlicher Spiritualität konzentriert
sich Williams in einem anderen Buch auf eine große Mystikerin,
nämlich auf Theresa von Avila. Er führt in den historischen
Kontext ein, ehe er sich mit ihren Schriften und ihrer Theologie auseinandersetzt.
Ausgehend von ihrem Werk wagt er sogar so etwas wie den Versuch einer
Theologie der Mystik, die bei ihm einen starken inkarnatorischen Akzent
hat. Williams beweist in dieser Studie, eine hervorragende Kenntnis
der spanischen Mystik.
"The Wound of Knowledge"
und in "Theresa of Avila" zeigen nicht nur das große
Wissen von Williams. Darüber hinaus zeigen sie, seine spirituelle
Tiefe. Es ist kein Schreiben um des Seitenfüllens willen, wie es
in der Wissenschaft öfter vorkommen mag. Williams macht den Eindruck,
selber ein sehr spiritueller Mensch zu sein.
Auch die Beschäftigung
mit der heutigen Theologie fehlt natürlich nicht. Das Inhaltsverzeichnis
der Aufsatzsammlung "On Christian Theology" liest sich wie
ein Überblick über bedeutende theologische Fragen. Z. B. Inkarnation,
Trinität etc.. Gerade in diesen Aufsätzen fehlt selten der
Bezug zu den heutigen Problemen von Gesellschaft und Kirche. Williams
sieht sie im theologischen Kontext. Ob er sie immer richtig einordnet
oder nicht, darüber mag man streiten. Manche seiner Antwortversuche
dürften umstritten sein. Aber der Versuch ist notwendig, wenn die
Theologie Relevanz behalten will.