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"Das
II. Vatikanum war ein epochales Ereignis", aber "das Schiff
der Kirche ist nach rechts abgedriftet und teilweise auf Sand gelaufen."
Hans Küng und Wolfgang Seibel S.J. diskutieren
über das II. Vatikanum
Hans Küng und
Wolfgang Seibel kamen am 08.10.02 bei einer Veranstaltung des Glaubensforums
der Jesuiten in der Aula der Hochschule für Philosophie in München
miteinander über das II. Vatikanum ins Gespräch. Beide erlebten
dieses epochale Ereignis hautnah mit: Küng als Konzilstheologe,
Seibel als Journalist für die Katholische Nachrichtenagentur.
Eine der großen
Leistungen des Konzils besteht für beide ohne Zweifel darin, dass
die Notwendigkeit einer Reform der Kirche eingesehen worden war. Noch
kurz davor sei jeder Theologe mit dieser Position in Schwierigkeiten
gekommen. Die Aussage von Papst Johannes Paul II, die vom Konzil angestoßene
Reform sei mit der Präsentation des Codex Iuris Canonici (Gesetzbuch
der katholischen Kirche) abgeschlossen, sei - so Küng - "römisches
Wunschdenken".
In einigen Punkten
sei die Lehre der Kirche vom Konzil revidiert worden. Insbesondere mit
der Anerkennung der Religionsfreiheit. Allerdings sei dieser Schritt,
nicht unumstritten gewesen. Es hätte ernsthafte Bemühungen
gegeben, den Punkt "Religionsfreiheit" von der Tagesordnung
abzusetzen. Nur durch die Einschaltung der Weltpresse wäre dies
verhindert worden. Bei anderen Fragen der Zeit, wie zum Beispiel der
Empfängnisverhütung und des Zölibats blieben die reformfreudigeren
Kreise jedoch erfolglos. Bischöfe, die zum Zölibat sprechen
wollten, seien einfach von der Rednerliste gestrichen worden, der Punkt
Empfängnisverhütung sei an eine Kommission überwiesen
worden. Dabei wäre es innerhalb der Kommission zwar zu einer klaren
Mehrheit für eine Zulassung künstlicher Mittel zur Empfängnisverhütung
gekommen, aber Paul VI hätte sich für die kleine Minderheit
der Gegner entschieden. Der Grund dafür war nicht inhaltlicher
Natur, sondern die Angst davor die kirchliche Lehre zu revidieren, und
damit das Lehramt zu beschädigen; denn schon Pius XI hatte sich
eindeutig gegen die Empfängnisverhütung ausgesprochen. Den
Preis für diese Mutlosigkeit habe die Kirche mit einer bis heute
andauernden, kräftezehrenden Diskussion und Glaubwürdigkeitsverlusten
zu bezahlen.
Massiv kritisierte
Küng, dass die Versuche des Konzils zur Aufwertung der Bischöfe
gegenüber dem Papst folgenlos geblieben wären. Hier stimmten
das Konzil und die Bestimmungen des Codex Iuris Canonici in entscheidenden
Punkten nicht überein. Erschwerend käme dazu, dass Bischöfe
nicht nach Fähigkeit, sondern nach ihrer Übereinstimmung in
Lehrfragen mit Rom ausgesucht würden. Dies und ihr Eid auf den
Papst wären dafür verantwortlich, dass die Bischöfe zu
drängenden kirchlichen Problemen schweigen würden, was auf
diesem Hintergrund allerdings auch nachvollziehbar sei.
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Ein grundlegendes Problem
des Konzils sei - so Küng und Seibel - das übergroße Drängen
des Papstes auf Einmütigkeit gewesen. Um auch der streng konservativen
Minorität eine Zustimmung zu ermöglichen, seien zum Teil konträre
Positionen in ein und demselben Dokument festgehalten worden. Dies ermögliche
es heute, gegensätzliche Forderungen mit demselben Konzilstext zu
begründen. Schuld daran habe insbesondere die ängstliche Haltung
Pauls VI, den Küng zwiespältig beurteilt. Einerseits wirft er
ihm hier Versäumnisse vor, andererseits sei er "zu einer Einsicht
fähig gewesen".
Neben dieser Kritik
wurden von Küng ganz ausdrücklich die Leistungen des Konzils
hervorgehoben. Es sei ein "epochales, nicht mehr rückgängig
zu machendes Ereignis". Es hätte zur Hochschätzung der
Bibel, zur Volksliturgie, und zu den Anpassungen der Kirche an die jeweiligen
Nationen geführt. Damit seien zentrale Forderungen der Reformatoren
erfüllt und der Boden zur Ökumene bereitet worden. Gerade im
Hinblick auf die Ökumene, hätte das Konzil hervorragendes geleistet.
Neben dieser Öffnung gegenüber der übrigen Christenheit
hätte das Konzil den Dialog mit den anderen Weltreligionen und der
säkularen Welt ermöglicht. Dies sei unumkehrbar.
Kritischer sieht Küng
die augenblickliche Entwicklung. Gerade unter dem Pontifikat von Johannes
Paul II sieht er das Fehlen des innerkirchlichen Dialogs. Der Zentralismus
sei sogar stärker als vor dem Konzil. Die augenblickliche Situation
fasste er mit den Worten "das Schiff der Kirche ist nach rechts abgedriftet"
zusammen.
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Hans Küng
Auch Küng ist entgegen aller Gerüchte nicht unfehlbar,
so Küng über Küng. Der weltbekannte Tübinger
Theologe und Ökumeniker stellte 1970 den Unfehlbarkeitsanspruch
des römischen Papsttums in Frage. Daraufhin wurde 1979 dem
"neuen Luther" auf Betreiben Roms wegen angeblicher Ketzerei
die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen. Doch haben sich seine warnenden
Prognosen zumeist bewahrheitet. Die Krise der katholischen Kirche
ist nicht mehr zu übersehen.
Trotz dieser schwierigen Situation sieht sich Küng nicht als
einen "verlorenen Sohn" der Kirche. Er ist katholisch
geblieben und nimmt seine Aufgaben als katholischer Priester ernst.
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