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Bildung für den
ganzen Menschen
Es ist wohl die Hauptschwäche
der derzeitigen Bildungsdiskussion, daß bei der Beschäftigung
mit den Details die grundsätzlichen Fragestellungen vergessen werden.
Man muß sich zuerst um das eigene Menschenbild Gedanken machen,
bevor man über die Zahl der Klassen diskutieren kann. Man muß
erst eine Ahnung haben, wozu der Mensch überhaupt da ist, bevor man
daran denken kann was man ihm beibringen muß, und dann erst, wie
das gehen kann.
Was soll nun für
die Bildung eines Menschen im Mittelpunkt stehen? Nicht die Ausbildung
für den Beruf, sondern die Ausbildung des ganzen Menschen. Dazu gehört
auch die Fähigkeit zum Wirtschaftsprozeß etwas beizutragen.
Aber viel entscheidender ist der Mensch mit seinen Beziehungen. Die Förderung
dessen, daß sich der Mensch als Wesen, das zu den anderen in einer
Beziehung steht, verstehen lernt und dazu auch befähigt wird. Dabei
können Schulen und Universitäten natürlich nur kleine Hilfestellungen
leisten - hier tragen die Familien, die Hauptlast -, aber sie sind durchaus
von Bedeutung. Denn zumindest die Schulen erreichen nun mal auch diejenigen,
die das Pech haben in einer Familie aufzuwachsen, in der diese Vermittlung
weniger gut funktioniert.
In diesem Zusammenhang
ist auch der Mensch als moralisches Wesen zu nennen. Ein Wesen, das mit
einem Gewissen und dem Auftrag und Bedürfnis zur Bildung dieses Gewissens
ausgestattet ist. Das kann kein Bildungssystem ohne Schaden ignorieren.
Wenn es das nämlich ignoriert, vermittelt es, ob beabsichtigt oder
nicht, daß moralische Fragen es nicht wert wären, sich damit
zu beschäftigen.
Darüber hinaus
ist der Mensch ein Wesen, das einen Sinn für ästhetische Werte
hat und darauf geradezu angewiesen ist. Mag sein, daß es Menschen
gibt, die der Schönheit einer Blume oder der Schönheit von Musik
jeden Wert absprechen und sie als bloßes menschliches Konstrukt
abtun. Mag sein, aber die wenigsten von ihnen werden darauf wirklich verzichten
wollen. Und bei denen, die diese Schönheit wirklich nicht mehr erkennen
können, stellt sich die Frage, ob das nicht statt an der mangelnden
Realität der Schönheit am Realitätsverlust dieses Menschen
liegt? Vielleicht kann man den Menschen in diesem Zusammenhang auch den
Aspekt des Menschen als schöpferischem Wesen sehen, das in seinen
engen Grenzen ein Bedürfnis nach Kreativität hat. Das muß
gefördert werden; denn das gehört ganz wesentlich zum Menschen
dazu.
Dann ist der Mensch
ein religiöses Wesen. Ein Wesen auf der Suche nach Sinn. Das kann
wenn es scheitert zur Verzweiflung, zu Aberglauben und zu Fanatismus führen,
aber das kann wenn es gut geht zu einem sinnerfüllten Leben, ja sogar
zu Heiligkeit führen. Auch mit der spirituellen Seite des Menschen
in Berührung zu kommen, damit umgehen und darüber nachdenken
und reflektieren können, gehört zur Bildung des Menschen dazu.
Das alles sind ein paar
Aspekte, die in meinen Augen für die Bildung von Menschen wesentlich
sind. Sie zu erreichen ist nicht einfach. Aber die Verstärkung mancher
zur Zeit eher bedrohter Fächer, wie die musischen Fächer und
besonders Religion erscheint mir dafür unbedingt notwendig. Diese
Stärkung müßte sowohl qualitativ wie auch quantitativ
sein. Aber auch die anderen Fächer sollten diese Bildungsziele nicht
aus den Augen verlieren. Dann können gerade zentrale Fächer
wie Deutsch und die Fremdsprachen - sowohl die alten Sprachen, deren Hauptzweck
mir in diesen entscheidenden Zielen zu liegen scheint, wie auch die neuen,
die aber über die Frage, wie man sich richtig das Frühstück
bestellt hinauskommen müssen - können und müssen hier eine
wichtige Rolle spielen.
Das sind ein paar Überlegungen
zur grundsätzlichen Ausrichtung unseres Bildungssystems. Solche Grundsatzfragen
müssen endlich gestellt werden. Sie lassen sich nicht vom grundsätzlichen
Menschenbild trennen. Detailfragen, wie die nach einer Stunde Mathematik
mehr oder weniger in der zehnten Klasse, sind nebensächlich. Über
die grundsätzliche Ausrichtung muß nachgedacht werden. Sonst
wird alles andere Stückwerk sein.
Thomas Gerold
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