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"Nicht
zurück zu den Griechen,
sondern voraus zu den Griechen"
Griechisch
heute
oder: wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Griechisch
Gerne komme ich der Bitte
der Redaktion um einen Artikel, der die heutige Bedeutung des Griechischen
zumindest ansatzweise zu zeigen versucht nach. Als Autor befindet man
sich in der Situation der berühmten sokratischen Aporie: Der Wissende
wird die Gedanken als überflüssige Selbstverständlichkeiten
empfinden, der Unwissende wird, so ist zu befürchten, nichts damit
anfangen können. Ist er ideologisch verbrämt, versteigt er
sich vielleicht sogar zu der überheblichen Bemerkung, alles als
spießerlichen Quatsch einer spätbürgerlichen und mittlerweilen
überholten Gesellschaft abtun zu wollen, ohne sich selbst bewusst
zu sein, dass er seiner eigenen Argumentationsfalle erliegt und im Prinzip
nur dummes Zeug daherredet. Machen wir uns aber nichts vor, davon gibt
es mehr als genug in unserer Gesellschaft. Nicht vergessen werden dürfen
auch die Nützlichkeitsfetischisten, die nichts anderes im Sinne
haben, als sich ständig die Frage zu stellen, wozu brauche ich
das eigentlich. Mit Verlaub, diese Klientel hat am allerwenigsten verstanden,
versteht am allerwenigsten und wird am allerwenigsten verstehen. So
gesehen ist es dann besser, lieber die Lektüre des Artikels gleich
bleiben zu lassen.
Wer sich mit Griechisch
beschäftigt, lernt Grundpositionen des menschlichen Lebens kennen:
Die Beschreibung der Rezipienten zeigt schon, wie aktuell Griechisch
ist. Die oben aufgezeigten Positionen entsprechen im Prinzip der Welt,
in der kein geringerer als Sokrates selbst im Athen des 5. Jhdts. v.
Chr. aufgetreten ist und sich mit den Sophisten intensiv auseinandergesetzt
hat. Es handelt sich letztlich um Lebenseinstellungen, die im Prinzip
unvereinbar sind, die da aufeinanderprallen. Auf der einen Seite die
Position des Idealisten, der ansatzweise versucht, seinen Idealen nachzugehen,
auf der anderen Seite die Position getragen nur von Nützlichkeitserwägungen.
Wer sich mit griechischen
Texten beschäftigt, kann sich deren Sog nicht entziehen:
Griechische Texte machen mehr als Texte in anderen Sprachen den Leser
betroffen. Es geht um die Grundfragen des menschlichen Zusammenlebens,
um Grundfragen, die über die Jahrhunderte dann doch irgendwie gleich
geblieben sind. Alle anderen europäischen Kulturen haben sich mit
dem Inhalt dieser Texte auseinandergesetzt, sodass tatsächlich
gilt, was Whitehead einmal gesagt hat, dass die ganze abendländische
Philosophiegeschichte nichts anderes sei als ein paar Fußnoten
zu Platon. Führende Philosophen haben dem immer Recht gegeben,
allerdings eingeschränkt, dass es entschieden darauf ankomme, die
richtigen Fußnoten zu setzen.
Wer sich mit griechischen
Texten beschäftigt, muss Stellung nehmen:
Man kann die in den Texten vorgetragene Position gerne ablehnen; man
muss sich aber mit den vorgetragenen Positionen auseinandersetzen. So
kommt es nicht von ungefähr, dass kein geringerer als Bert Brecht
zum überzeugendsten Rezipienten von Aristoteles Poetik geworden
ist.
Wer sich mit griechischen
Texten beschäftigt, durchschaut die Doppelbühne der Macht:
Kein geringer als Thukydides, der große Historiker, arbeitet in
seinem Geschichtswerk die Doppelbühne der Macht heraus. Während
auf der Vorderbühne das Geplänkel und die Tagespolitik abläuft,
spielt sich das eigentliche Geschehen der Macht auf der Hinterbühne
ab. Schon irgendwie nachvollziehbar, dass die Herrn Politiker aller
Generationen Leute, die ihre Spielchen durchschauen, nicht so gerne
sehen.
Wer sich mit den Griechen
beschäftigt, erfährt eine Grundbildung auf allen Gebieten
der Kunst und Kultur:
Ohne Griechen keine abendländische Kunst und Kultur! Man sieht
in den Museen und allen anderen kulturellen Einrichtungen dieser Welt
nur das, was man schon kennt. Nur so ist der Gang durch diese Einrichtungen
anregend und spannend. Es kann doch nicht sein, dass man ständig
in einem Handbuch nach Informationen suchen muss, statt mit den eigenen
Augen das Gesehene wahrzunehmen und einzuordnen.
Wer Griechisch lernt,
kommt in Kontakt mit den Ursprüngen nahezu sämtlicher literarischer
Gattungen.
Wer Griechisch lernt,
lernt die Sprache des Neuen Testaments.
Wer Griechisch lernt,
lernt grammatische Strukturen, die für die eigene Kultur von größter
Bedeutung sind:
Die komplexen griechischen Satzstrukturen helfen, einen komplexen Goethetext
lesen und überhaupt verstehen zu können. Wenn wir die sog
Alten Sprachen vernachlässigen, müssen wir damit rechnen,
dass wir unsere Klassiker nicht mehr ohne Kommentar lesen können.
Dies kommt natürlich auch gerade daher, dass sich unsere Altvorderen
intensiv mit der Antike auseinandergesetzt haben. Wir kappen ein Band,
an dem unsere eigene Kultur hängt.
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Wer Altgriechisch bewusst
lernt, hat den Schlüssel zum Neugriechischen in der Hand:
Es ist wirklich kein großes Problem, auf der Basis des Altgriechischen
sich das Neugriechische zu erarbeiten. Voraussetzung dabei ist allerdings,
dass man das wirklich will.
Wer Griechisch lernt, erschließt
sich die Welt des östlichen Mittelmeeres:
Dem östlichen Mittelmeerraum steht seine Zukunft erst noch bevor.
So gesehen, braucht man früher oder später Spezialisten für
diesen Raum. Europa endet nun einmal nicht am Rhein.
Wer Griechisch lernt, kommt
in Kontakt mit der Orthodoxie:
Erst durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Griechischen lernt
man die Bedeutung und die Größe des Byzantinischen Reiches
kennen. Europa endet nun einmal auch nicht am Bosporos. Dass hier wichtige
Ansätze zur Begegnung mit der Ostkirche liegen, versteht sich von
selbst.
Wer eine Sprache
lernt, besucht gleichzeitig eine Denkschule in diesen sprachlichen Strukturen:
Man lernt eine Sprache nicht nur zur Kommunikation, sondern auch, um sich
im Denken dieses fremden Volkes zu schulen und seinen Horizont zu erweitern.
Deshalb ist es der boshafteste Vorwurf gegen das Griechische, es handele
sich ja um eine sog. tote Sprache. In dem Moment, wo es um die Denkschule
geht, gibt es keine tote Sprache. Ein solcher Ansatz ist absoluter Unsinn!
Wer sich mit griechischen
Texten beschäftigt, lernt in Antithesen zu denken:
Die Griechen sind die Weltmeister im Denken in Antithesen. Dies zeigt
sich unter anderem auch daran, dass die ins Deutsche übertragenen
Wortbedeutungen sich oft gegenseitig ausschließen. Wenn man als
Mensch jenseits jeder Ideologie in Freiheit sein Leben selbst bestimmen
will, ist gerade das Denken in Antithesen von größter Bedeutung.
Ich muss mich einfach in die Position meines Nächsten versetzen können,
wenn ich mich als Mensch und als Christ wirklich weiterentwickeln will.
Man muss nicht Griechisch
lernen, sondern man darf es:
Zum Glück ist niemand in diesem unseren Lande gezwungen, Griechisch
zu lernen. Tolerant wäre es, wenn all die, die damit nichts anfangen
können, wenigstens die in Ruhe lasse würden, die sich für
diese schöne Sprache entschieden haben. Leider ist oft das Gegenteil
der Fall.
Griechisch hätte einen
besseren Stand, wenn Gymnasien noch Gymnasien wären! Allein einseitig
ausgerichtete Neugründungen haben hier die Struktur zerstört
und die Gewichte verschoben. Nur komisch, dass trotz PISA keiner der Verantwortlichen
eine Lanze für Griechisch bricht. Ans sprachliche Gymnasium gehören
Latein, Englisch, Französisch und Griechisch als die Basissprachen
Europas. Wie das geht, zeigt Frau Schavans Schulversuch in Baden-Württemberg,
wo Schülerinnen und Schülern in der 5. Klasse Latein und Englisch
lernen, um sich in der 7. Klasse dem Französischen zu widmen. In
Klasse 9 gibt es dann für alle Griechisch als Basis jeder philosophischen
Grundbildung,
denn wie sagte schon Michael Rutz, der Chefredakteur
des Rheinischen Merkur: "Die Wirtschaft nimmt solche Absolventen,
die nicht nur lebende Fremdsprachen fließend beherrschen, sondern
auch Latein und Griechisch können, besonders gerne auf; bei ihnen
vermutet man weitere Denkhorizonte, größere Abstraktionsfähigkeit
und logischeres Denken. Hinzu kommt: Von Europa verstehen solche Abiturienten
gewiss mehr als andere." (Rheinischer Merkur 12-2002)
In der griechisch-römischen Antike und dem Christentum zusammen mit
dem Erbe von Byzanz liegen nun einmal die Ursprünge Europas.
Und noch etwas:
"...wer die Vergangenheit nicht kennt, versteht die Gegenwart
nicht und kann nicht versuchen, mit Träumen und Phantasien auf Zukunft
einzuwirken."
(Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz. München: List 2002. S. 117)
Griechisch ist eine tote
Sprache? Nein! Mehr dazu HIER!
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