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Zeitgeschehen |
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Im Schloß begegnen wir Harrys Gegenspieler auf Ebene der Schüler, nämlich Draco Malfoy. Es ist interessant, daß diese Begegnung im Film, anders als im Buch, direkt vor der "Sorting Ceremony" erfolgt. Die im Buch vorhergehenden Begegnungen in Diagon Alley und im Zug fehlen. Vor der Tür der großen Halle lehnt Harry Malfoys Hand und damit das Bündnis mit ihm ab, drinnen lehnt er das Angebot einer großen Karriere in Slytherin ab. Hier bietet ihm nämlich der sprechende Hut eine große Laufbahn in Slytherin, dem Haus, das die großen Dunklen Zauberer hervorbrachte, an. Aber Harry lehnt diese Chance genauso wie das Bündnis mit Malfoy ab. Durch diese Anordnung wird die Entscheidung Harrys gut herausgearbeitet. Die Atmosphäre in der großen Halle verdient Beachtung. Das beginnt mit der Halle selbst. Eine solche Halle mit dem erhöhten Tisch der Lehrer kann einem in manchen britischen Schulen und Colleges wirklich begegnen. Aber der wolkenbedeckte Himmel an der Decke, die sie erhellenden Feuer und die ungewöhnlichen Gewänder ergeben eine ganz eigene Atmosphäre. Das gilt für ganz Hogwarts. Keine moderne Technologie. Mittelalterliche Bauten. Teile des Films wurden ja wirklich in einer mittelalterlichen Kathedrale gefilmt. Feuer statt elektrischem Licht. Dazwischen Schulbetrieb. Eine interessante Mischung, dem Buch entlehnt, faszinierend. Die Personen sind größtenteils gut getroffen. So Hagrid, die strenge und doch sympathische Lehrerin McGonagall, der Hausmeister Filch und vor allem der Rektor Dumbledore. In dieser Besetzung wird es schwer werden den kürzlichen verstorbenen Darsteller Richard Harris zu ersetzen. Auch die Lehrer Snape und Quirrel sind gut getroffen. Der falsche Verdacht, der auf Snape fällt, ist auch dem Zuschauer plausibel. Die weiteren Szenen des Films fallen unterschiedlich aus. Der Zentaur scheint mir nicht sonderlich gut getroffen. Man muß allerdings zugeben, daß es schwer sein dürfte, einen Zentauren im Film glaubhaft darzustellen. Beim Quidditch-Match, im Film ist es anders als im Buch nur eines, ist man zumindest beim ersten Zusehen ganz dabei und fiebert mit. Unterschiedlich gelungen ist die Schlußphase bei der Suche nach dem Stein gegen Ende des Films. Der Sprung in die Tiefe ist wie im Buch. Auch die vorhandenen Aufgaben sind kaum verändert. Eine Aufgabe fehlt. Im Buch läßt sich nur mit Hilfe einer Logikaufgabe der zum Weiterkommen nötige Zaubertrank von einer Reihe von Giften unterscheiden. Mit dieser Aufgabe wurde der Hauptpart Hermiones im Buch herausgeschnitten. Das mag daran liegen, daß für Logik im überschnellen Medium Film wenig Platz ist. Am Ende findet auch hier Harry den Stein der Weisen. Das Versteck im Spiegel, der ihn nur an den herausgibt, der den Stein nicht verwenden will, ist eine von Mrs Rowlings genialsten Ideen. Immerhin steht die Suche nach dem Stein der Weisen traditionell nicht nur für die Suche nach Lebensverlängerung und Gold, wie bei Voldemort, sondern für Suche nach Reinigung. Demnach sind sich Voldemort und der Stein entgegengesetzt. Überhaupt ist Voldemort eine interessante Figur. Zumindest dreimal im Film - wie im Buch - nimmt er es mit etwas auf, daß für etwas sehr Gutes steht und scheitert. Schon zu Beginn versucht er Harry zu töten, der geschützt durch die Liebe seiner Mutter zu Voldemorts vorläufigen Verhängnis wird. Dann trinkt Voldemort das Blut der Einhörner. Das Blut der Unschuldigen verschafft ihm ein verfluchtes Leben. Zuletzt versucht er nach dem Stein der Weisen zu greifen, und scheitert. Voldemorts zwischendrin geäußerten "philosophischen" Betrachtungen, es gebe weder gut und böse, sondern nur Macht, kann man als immer aktuelle Zeitkritik verstehen. Man kann sich fragen, ob Mrs Rowling "The Abolition of Man" von C. S. Lewis gelesen hat. Der beschäftigt sich dort ja auch mit Versuchen gut und böse durch das Streben nach Macht zu ersetzen. Dabei gebraucht er interessanterweise sogar das Beispiel des bösen Magiers, was besonders zu Voledmort passen würde. Wenn sie auf die Kinderbücher von Lewis schon selbst in Interviews hinweist, mag sie auch dessen philosophisch-theologische Werke gelesen haben. Mrs Rowling läßt Voldemort jedenfalls nicht erfolgreich sein. Er wird besiegt, aber nicht für immer. Bei einem Blick auf Harry Potter
und der Stein der Weisen fällte es schwer, sich auf den Film zu beschränken.
Er hängt mit dem Buch zu eng zusammen. Beide haben ihrem Medium gemäß
unterschiedliche Stärken und Schwächen. Deshalb machen sie sich
nicht gegenseitig überflüssig. Das Buch kann nun mal detaillierter
sein. Auch hat es den Vorteil, die Phantasie viel besser anregen zu können
als der Film. Damit ist es gerade für das, was die Alltagswelt übersteigt,
besser geeignet als der Film. Dafür kann der Film z. B. bei der Gestaltung
der Räume genauer sein als das Buch. Er muß sie nicht nur skizzieren,
er darf sie gewissermaßen ausmalen. Bei diesen Unterschieden ist
der Film ein eigenes Werk, das auf mich einen positiven Eindruck macht.
Man darf gespannt sein, wie der zweite Film gelungen ist. Thomas Gerold |
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19.11.2002 |