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Lebendiges
Altgriechisch
"Klassisches Attisch
sprechen, geistvolle Texte lesen und sich dabei in einem Garten direkt
am Meer erholen" - der Aushang am schwarzen Brett unseres
Instituts hatte mich gespannt gemacht. Sobald ich wusste, dass ich
den Termin würde nutzen können, rief ich in Husum an. Dort
wohnt Helmut Quack, ein pensionierter Gymnasiallehrer für Alte
Sprachen und noch mit wohl bald siebzig Jahren ein "Energiebündel",
vor allem dann, wenn er klassisches Griechisch spricht. Herr Quack
erklärte mir die äußeren Bedingungen des Kurses: Zwei
Wochen Unterkunft in Stockbetten mit Selbstverpflegung sind für
Kursteilnehmer frei - wer mehr will, kann zuzahlen -, der Kurs kostet
(für Studenten) 130 Euro.
Drei Studenten aus München nahmen in diesem Jahr an dem Kurs
im "Hellenikon Idyllion" teil. Durch Herrn Quacks Vermittlung
lernten wir uns kennen und reisten zusammen mit Zug und Fähre
über Ancona nach Selianitika bei Patras an. Diese Reisemöglichkeit
ist zwar schön, aber, wie sich herausstellen wird, zu Fuß
recht anstrengend.
Unsere Mühen wurden schließlich aber am 11. August abends
bei der Ankunft im Eidyllion belohnt: Der Garten der von außen
unscheinbaren Anlage direkt am Meer ist wirklich ein Idyll. Bei der
Unterkunft müssen wir zwar auf Komfort verzichten, Küche
und Bad haben Wohnheimatmosphäre - aber wir können ja dafür
zwei Wochen umsonst hier bleiben!
Nur den Kurs "mussten" wir besuchen. Jeden Tag unterhielten
wir uns "offiziell" zwei Stunden vormittags und zwei Stunden
nachmittags in möglichst klassischer attischer Sprache über
weniger bekannte klassische Texte: in der ersten Woche über einige
Briefe, die der Überlieferung nach von Sokrates und seinen Schülern
stammen sollen, in der zweiten Woche über Platons kaum untersuchten
Dialog "Alkibiades" (der ebenfalls von vielen für unecht
gehalten wird). Herr Quack hat dieses Jahr den glatzköpfigen
Frager und "Querdenker" aus Alopeke zum Thema gemacht, weil
er den 2400sten Jahrestag der Hinrichtung des Sokrates in 2002 ansetzt.
Die Kursteilnehmer kamen
nicht nur aus Deutschland, es waren auch einige Studenten aus Italien,
eine Brasilianerin und ein Slowene dabei, meist Studenten, und zwar
nicht nur aus der Klassischen Philologie, sondern auch aus anderen
Geisteswissenschaften (Theologie, Philosophie, verschiedene Sprach-
und Literaturwissenschaften). Eine gewisse Schwierigkeit lag in den
sehr verschiedenen Ausgangsniveaus der Teilnehmer. Herr Quack sorgte
aber immer dafür, "auf allen Ebenen" etwas zu bieten
und für alle interessant zu bleiben.
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Zunächst war ich erstaunt,
wie leicht die Unterhaltung in einer vermeintlich toten Sprache gelingt,
wenn man sie rezeptiv einigermaßen beherrscht. Die Texte werden
im Kurs nie übersetzt, sondern erst einmal Satz für Satz auf
Griechisch erklärt und durchgesprochen. Auch die grammatikalischen
Begriffe verwendeten wir in ihren griechischen Formen - Herr Quack gibt
dazu eine Liste mit den lateinischen Entsprechungen aus. Dann aber diskutierten
wir auch über den Inhalt, nahmen persönlich Stellung dazu
und bezogen ihn auf unsere Gegenwart, was mir besonders gefallen hat.
Auch außerhalb des Kurses haben wir manchmal unsere modernen Sprachen
gegen das Griechische eingetauscht - in schöner Erinnerung habe
ich noch einen Tavernenabend, an dem ich mit David aus Slowenien nur
Griechisch gesprochen habe. Alles lässt sich ausdrücken, von
den alltäglichen Dingen bis zur höchsten Theologie und Philosophie,
und am meisten Vergnügen macht es oft, während des Gesprächs
Neologismen für Dinge und Begriffe zu schaffen, die in der antiken
Welt noch nicht vorkamen. Nach recht kurzer Zeit wurden mir aber dann
doch meine und auch unser aller Grenzen bewusst, wenn wir etwa versuchten,
oft mit vereinten Kräften, längere Perioden oder entlegenere
Formen korrekt zu bilden. Native speakers für das Altgriechische
gibt es leider nicht mehr, wir können höchstens versuchen,
ein Stück weit unsere eigenen native speakers zu werden. Auch die
Sprachpraxis krankt natürlich, wie etwa auch beim Esperanto, an
der kleinen Zahl der "Eingeweihten" und z.B. an dem Umstand,
dass neue Wörter nicht durch den allgemeinen Gebrauch, sondern
sozusagen durch das Diktat eines einzelnen eingeführt werden. Trotzdem
ist ein solcher Kurs, wie ich meine, ein einzigartiger Gewinn für
das Sprachgefühl und ein neuer, weil aktiver Zugang zu einer alten
Sprache, die man sonst nur aus Büchern aufnimmt.
Traditionell schließen die zwei Wochen damit, gemeinsam altgriechische
Sketche über den Kurs und seine Themen zu verfassen, die dann am
letzten Abend aufgeführt werden - umrahmt von Musik, denn das Hellenikon
Eidyllion bietet nicht nur Sprachliches, sondern vor allem auch Kurse
und Unterkunft für Musiker an. Dabei zeigte unser Kursleiter seine
hervorragenden komödiantischen Fähigkeiten, ganz nach dem
Motto: Ein guter Lehrer muss auch ein Stück weit Schauspieler sein.
Humorvoll, aber ganz im Stil der vergangenen zwei Wochen schlossen wir
unser Projekt ab.
Stefan Berkmüller
mehr Infos unter:
www.idyllion.gr
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